Volltext : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

672  Verschiedenheit  der  Ziele  Italiens  und  Bismarcks.

So  standen  die  Dinge,  als  die  entscheidenden  Unterredungen  des  Grafen
Goltz  mit  Napoleon  stattfanden,  in  denen  die  Möglichkeit  eines  Einverständnisses
  über  die  Friedensbedingungen  festgestellt  wurde.  Nigra  wurde  sofort
in  Paris  von  diesem  Ergebnis  unterrichtet;  man  sagte  ihm,  da  Napoleon  sich
mit  den  preußischen  Bedingungen  einverstanden  erklärt  habe,  so  könne  der
Stillstand  in  drei  bis  vier  Tagen  geschlossen  sein.  Daraufhin  kamen  die
Italiener  mit  neuen  Klagen  zu  Usedom;  eben  sei  Italien  bereit,  den  Angriff
ernstlich  zu  beginnen,  und  nun  wolle  Preußen  Stillstand  schließen;  das  dürfe
nicht  geschehen,  sondern  Preußen  müsse  diese  Zumutung  Napoleons  wie  bisher
  so  auch  weiter  ablehnen.  Wenn  die  Mitteilungen,  die  man  in  Paris  an
Nigra  gemacht  hatte,  wirklich  so  bestimmt  lauteten,  so  entsprachen  sie  nicht
ganz  der  Wahrheit.  In  der  Tat  blieb  Napoleon  auf  die  telegraphische  Frage
Viktor  Emanuels,  an  welchem  Tage  denn  Preußen  den  Stillstand  unterzeichnet
  habe,  die  Antwort  schuldig.“  Obwohl  man  nun  aber  in  Italien  lebhaft
befürchtete,  daß  doch  zwischen  Napoleon  und  Preußen  etwas  im  Werke  sein
möge,  weigerte  man  sich  doch,  einen  über  die  italienischen  Forderungen  genau
informierten  Bevollmächtigten  in  das  Hauptquartier  zu  schicken,  indem  man
sich  darauf  berief,  daß  ja  Graf  Barral  dort  sei;  dieser  war  jedoch  mit  keinen
bestimmten  Instruktionen  versehen.s  Dem  Grafen  Usedom  sagte  man  auf
sein  Drängen,  es  könne  sich  ja  doch  gar  nicht  darum  handeln,  ernsthafte  Bedingungen
  aufzustellen,  da  Osterreich  zu  deren  Annahme  noch  keineswegs  reif
sei,  sondern  es  komme  nur  darauf  an,  durch  Aufstellung  übertriebener  Forderungen
  das  Justandekommen  eines  Stillstands  zu  verhindern.“

Mit  diesen  Gesichtspunkten  blieb  die  italienische  Regierung  durchaus  in  der
Richtung,  die  auch  Bismarck  anfangs  innegehalten  hatte,  solange  er  nicht  mit
der  Möglichkeit  rechnete,  mit  Napoleon  schnell  über  annehmbare  Friedensbedingungen
  einig  werden  zu  können.  Nachdem  sich  hierzu  aber  wider  Erwarten
  eine  Möglichkeit  eröffnet  hatte,  lenkte  Bismarck  sofort  in  den  neuen  Weg
ein,  und  so  kam  es,  daß  nun  die  Anschauungen  der  Verbündeten  über  den
Wert  und  die  Bedeutung  der  bevorskehenden  Verhandlungen  völlig  auseinandergingen.


Noch  am  13.  Juli,  als  er  mitteilte,  daß  Preußen  aus  rein  militärischen
Gründen  eventuell  eine  dreitägige  Waffenruhe  bewilligen  werde,  hatte  Bismarck
  dem  Grafen  Usedom  versichertö,  daß  man  keinen  Stillstand  ohne  Italiens

—.  —

Tel.  Usedoms  v.  14.  Juli,  in  Nikolsburg  wahrscheinlich  angek.  am  17.  Juli,  s.  oben
G.  624.

1  Tel.  Usedoms  v.  15.  Juli.

*  Barral  war  am  13.  Juli  im  Hauptquartier  eingetroffen,  s.  Chlala  443.

Tel.  Usedoms  v.  15.  Jull.

Tel.  v.  13.  Juli  aus  Ciernahora.