Volltext : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Sendung  des  Prinzen  Napoleon  nach  Italien.  675

schluß  Venetien  ohne  jede  erschwerende  Bedingung  erhalten  solle.1  Er  sollte
den  König  ermahnen,  sich  hiermit  zu  begnügen,  und  seine  Zustimmung  zum
Waffenstillskand  unter  der  Voraussetzung  zu  geben,  daß  auch  Preußen  ihn  annehmen
  würde.  Schon  vor  seinem  Eintreffen  wurde  Viktor  Emanuel  von
französischer  Seite  mit  allerlei  unbeskimmten  Andeutungen  geängstigt.  Man
sagte  ihm,  Preußen  habe  den  Waffenstillskand  angenommen,  es  sei  verpflichtet
bis  zum  Abend  des  18.  Juli  eine  bestimmte  Antwort  auf  eine  komplizierte
Frage  zu  geben,  endlich  werde  der  Prinz  seinem  Schwiegersohn  Geheimnisse
enkhüllen,  die  dieser  bisher  nicht  wisse.“  Usedom  tat  sein  Möglichskes,  die
Italiener  zu  beruhigen;  sie  möchten  nichks  glauben,  was  man  nicht  direkt  von
Preußen  höre;  alles  Entgegenstehende  sei  falsch;  Italien  könne  sich  leicht  selbst
um  die  Früchte  des  Krieges  bringen,  wenn  es  sich  von  Preußen  trennen  lasse.
Er  verlangte  zugleich  Abweisung  jedes  gegen  die  Fortsetzung  des  Krieges  gerichteten
  Vorschlags.  Der  König  erklärte  sich  dadurch  vorläufig  für  bernhigt,
und  sagte,  die  Mission  des  Prinzen  Napoleon  solle  an  der  Lage  nichts  ändern;
er  werde  sofort  jemanden  ins  preußische  Hauptquarkier  schicken,  der  sich  über
die  evenkuellen  Bedingungen  mit  Preußen  verständigen  solle.

Am  19.  Juli  meldete  Usedom,  daß  Prinz  Napoleon  im  italienischen  Feldlager
  eingetroffen  sei.  Er  schlage  vor,  der  Abtrekung  Venetiens  dadurch  eine  für
Italien  annehmbare  Form  zu  geben,  daß  man  eine  Volksabstimmung  vornehmen
  lasse,  finde  aber  wenig  Neigung  bei  dem  König,  auch  unter  dieser
Voraussetzung  auf  Stillskand  und  Frieden  einzugehen.“  Andererseits  ließen
die  Mitteilungen  des  Prinzen  es  als  unzweifelhaft  erscheinen,  daß  eine  Verständigung
  zwischen  Preußen  und  Frankreich  im  Prinzip  getroffen,  wenn  auch
noch  nicht  formell  festgestellt  sei.  Auch  trug  man  von  Paris  aus  Sorge,  sobald
dort  die  preußische  Annahme  der  Friedensgrundlage  und  die  Bereitwilligkeit
zu  einer  sofortigen  fünftägigen  Waffenruhe  gemeldet  worden  war,  dies  nach
Itkalien  mitzuteilen.  Usedom  wußte  von  diesen  Dingen  noch  nichts,  und  fragte
am  20.  Juli  telegraphisch  bei  Bismarck  an,  ob  wirklich  auf  fünf  Tage  Waffenstillstand
  bewilligt  sei,  und  was  er  hier  deshalb  sagen  solle?5  Er  fühlte  sich  offen  bar

1  Tel.  des  Grafen  Goltz  v.  17.  Juli  s.  oben.

2  Tel.  v.  18.  Juli,  der  erste  Absatz  gedr.  bei  Bernhardi  206.  Jum  Schluß  meldet  Usedom
noch,  er  habe  soeben  den  König  Viktor  Emanuel  telegraphisch  aufs  stärkste  gebeten,  nichts
über  Waffenstillskand  zu  glauben,  was  er  nicht  von  preußischer  Seite  höre.  Alles  Entgegenstehende
  sei  falsch.  Wenn  Italien  seine  Aktion  von  der  preußischen  trenne,  so  könne  es  sich
und  Preußen  leicht  um  die  Resultate  des  Krieges  bringen.  Man  verlange  Abweisung  jedes
gegen  Fortsetzung  des  Krieges  gerichteten  Vorschlages.  Bismarck  möge  stark  mit  Graf
Barral  sprechen  und  schleunigst  antworten.

*  Tel.  v.  10.  Juli.

Tel.  v.  19.  Juli.

*  Tel.  v.  20.  Juli.

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