Full text : Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks.

Aufzug  der  Etjässer  im  Reichstag.  Antrag  Teutisch.  201

Elsaß-Lothringens,  welche,  ohne  darüber  befragt  zu  sein,  dem  Deutschen  Reiche  durch
den  Friedensvertrag  von  Franksurt  einverleibt  worden  ist,  sich  speziell  über  diese  Einverleibung
  auszusprechen  berufen  werde.“  Am  18.  Februar  kam  der  Antrag  zur  Verhandlung.
  Doch  vor  der  Beratung  überreichten  Teutsch  und  Genossen  schon  einen
neuen  Antrag  des  Inhaltes,  daß  der  Neichstag  denjenigen  Abgeordneten  von  Elsaß-Lothringen,
  welchen  die  dentsche  Sprache  unbekannt  sei,  gestatten  möge,  sich  der  franjösischen
  Sprache  zu  bedienen.  Präsident  Forckenbeck  erklärte  darauf,  daß  nach  der
Geschäftsordnung  des  Hauses  über  einen  neuen  Antrag  nur  dann  sofort  abgestimmt
werden  könne,  wenn  kein  Mitglied  der  Versammlung  widerspreche.  Braun-Wiesbaden
rief  laut:  „Ich  widerspreche.“  Und  nun  begründete  der  Abgeordnete  Teutsch  seinen
Antrag  in  fließendem  Deutsch.  Er  ersparte  sich  keine  theatralische  Gebärde  und  keine
Ofsenbarung  völkerrechtlichen  Unwissens,  welche  unter  seinen  früheren  Kollegen  in
Vordeaux  jubelnden  Beisall  gefunden  haben  würden,  hier  dagegen  nur  stürmische
Heiterkeit  erregten.  Er  nannte  den  Frankfurter  Vertrag  „einen  Akt  der  Gewaltthat
des  Siegers  gegen  den  ohnmächtigen  Besiegten“  und  erklärte  „die  Abtretung  von
Elsaß-Lothringen  ohne  Zustimmung  der  Bevölkerung  für  ungültig“.  Aber  kaum  hatte
er  geendet,  so  trat  ihm  der  Führer  der  ultramontanen  reichsländischen  Abgeordneten,
der  Bischof  Näß  von  Straßburg,  auf  der  Tribüne  des  Reichstags  mit  der  Erklärung
entgegen:  „Um  einer  mißliebigen  Deutung  vorzubengen,  die  mich  und  meine  Glaubensgenossen
  berühren  könnte,  finde  ich  mich  im  Gewissen  gedrungen,  eine  einfache  Erklärung
  abzugeben:  Die  Elsaß-Lothringer  meiner  Konfession  sind  keineswegs  gemeint,
den  Vertrag  von  Fraulsurt,  der  zwischen  zwei  großen  Mächten  abgeschlossen  worden
ist,  in  Frage  zu  stellen.  Das  wollte  ich  von  vornherein  erklären.“  Diese  Erllärung
war  für  die  Protestler  um  so  peinlicher  und  für  alle  um  so  überraschender,  als  die
Protestler  den  Ultramontanen  bei  den  Wahlen  hingebend  Vorspanndienste  geleistet
hatten  und  zudem  Bischof  Näß  den  Antrag  Teutsch  selbst  mit  unterschrieben  halte.
Zwei  Tage  Zentrumsluft  und  Windthorst  hatten  genügt,  diesen  völlig  anders  gearteten
Entschluß  zu  reifen.  Die  „Provinzialkorrespondenz“  vom  25.  Februar  sagte  darüber
  kühl:

„Die  französische  Parkei  in  Elsaß-Lothringen  muß  sich  jetzt  darein  finden,  daß  die  gewähtten
  Ullramontanen  ihre  Stellung  nicht  nach  politischen  und  nationalen  Standpunkien  nehmen,
sondern  von  ihrem  ausschließlich  kirchlichen  Standpunkt,  je  nach  den  Umständen  und  nach  höheren
  Weisungen,  Politil  zu  treiben  suchen.  Von  dem  Augenblicke  ihres  Eintriktes  in  den  Reichs
lag  an  wurde  das  Interesse  und  die  Taktik  der  Zeutrumtspartei  für  sie  enlscheidender  als  die
Rücksicht  auf  die  elsässisch  fran  zösische  Partei.“

So  endete  denn  das  Theaterstück,  welches  die  reichsländischen  Abgeordneten  im
Reichstag  aufführten,  mit  einem  großen  unsreiwilligen  Heiterkeitserfolg.  Man  sah
dieses  „einige  Voll“  als  die  Beute  von  Franzosen  und  Ultramontanen,  welche  es  für
fremdartige  Zwecke  mißbrauchten,  und  diese  Volksverführer  wieder  unter  sich  selbst
vollig  uneins.  Für  den  Antrag  Teutsch  erhoben  sich  nur  23  Stimmen.  Die  Protestler
reisten  sofort  von  Verlin  ab  und  kehrten  niemals  wieder,  so  daß  die  großen  Städte
der  Reichslande  drei  Jahre  lang  im  Reichstag  unvertreten  waren.  Die  Ultramontanen

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