18 Der Weg zum Ende.
und Hertlinge eingeschlagen, wenn sich nut irgendwo ein Zipfelchen von Anknüpfungs"
moͤglichkeit geboten hätte! Kein Ludendorff und keine Militärpartei hätte sie hindern
können, so wenig wie sie sich in ihrer Polenpolitik und der Demokratisierung des
Reichs durch Ludendorff und Hindenburg hindern ließen. Aber hier fanden sie
eben die Gegenliebe der Polen und der großen demokratischen Parreien, Freisinn,
Sozialdemokratie und Jentrum, während dort die nötige Gegenliebe der Entente“
mächte nie vorhanden war. „Der erste Fehler Deutschlands war, mit England
überhaupt in den Krieg zu treten. Der zweite lag darin, daß es nicht sofort in den
U„Bootskrieg eintrat und nicht alle U-Boote und Torpedoboote mobil machte,
um damit den Transport der englischen Expeditionsarmee zu verhindern.“ Das
waren die zwei Fehler, die der Versöhnungskriegsminister Lord Haldane Mitte
Oezember 1918 der deutschen Strategie vorzuwerfen hatte. Irgendein Vorwurf,
Oeutschland hätte zu irgendeiner Jeit eine angebotene oder bereitsiehende Friedens"
moͤglichkeit nicht ergriffen, ist bis jetzt noch von keiner maßgebenden feindlichen
Seite erhoben worden. Wo er sich findet, fließt er aus den alten deutschen Schwindel"
quellen.
Wie die früheren deutschen Regierungen gab am 23. Mai roro die Regierung
Sbert-Scheidemann amtlich „die bestimmte Erklärung ab, daß ihr von irgendeinem
ernstlichen Friedensangebot der feindlichen Staaten während des Verlaufes des
Krieges nicht das geringste bekannt sei, so daß von deutscher Seite keine Gelegenheit,
iu einem annehmbaren Verständigungsfrieden zu gelangen, irgendwie versäumt
wurde“. Was natürlich den Herrn Reichsminister Gothein, Mitglied dieser Regierung,
nicht hindert, in seinem Buch „Warum verloren wir den Krieg?" die Schuld an
diesem Verlust u. a. denen aufzubürden, „welche die Liquidation des unseligen
Krieges durch einen Verständigungs= und Versöhnungsfrieden, als ein solcher
zu erreichen war, hintertrieben“. Auch sein Kollege, der Finanzminister Dernburg,
nimmt keinen Anstand, in seiner großen Rede vom 2. Mai 1910 „keinen
Zweifel darüber obwalten zu lassen: diese Entwicklung (Jusammenbruch der deutschen
Volkswirtschaft) hätte sich durch rechtzeitigen anständigen Frieden vermeiden
lassen“. Gothein ist außer Minister auch r. Vorsitzender des Vereins zur Abwehr
des Antisemitismus, und Dernburg, den er ins Amt gezogen hat, ist Halbsemit.
Wie der Schwindel von den verständigungsbereiten feindlichen Volksschichten
dann im Herbst rors zu der Form der Waffenstillstands= und Friedensangebote
und dem Zusammenbruch Oeutschlands führte, ist noch zu frisch in aller Gedächtnis,
um einer näheren Beleuchtung zu bedürfen.
Die meuternden Truppenteile an der Front waren größtenteils infolge des deutschen
Lügenfeldzuges der Uberzeugung, der Krieg werde deutscherseils nur der Eroberungen
und Geldinteressen willen fortgesetzt; sie glaubten, sie brauchten nur mit dem
guten Beispiel voranzugehen und den weiteren Kampf zu verweigern, dann würden
es die Soldaten auf der feindlichen Seite ebenso machen; die Truppen würden beiderseits
einfach nach Hause gehen. Genau so dachten die Soldaten in den Kasernen der
Heimat, als sie sich regimenterweise von einer Handvoll Leuten, von denen die meisten
noch kein Pulver gerochen hatten, entwaffnen oder wenigstens zur Gehorsamsverweigerung
gegenüber ihren Offizieren und zum Anschluß an die Revolution bestimmen ließen
und dadurch diesen fast überall von Stammesfremden geführten Leuten den Umstur;
überhaupt erst ermöglichten. In Warschau ließen sich 20000 deutsche Soldaten
von zusammengelaufenen kleinen polnischen Banden die Waffen, alle Vorräte an
Munition, Geschützen, Gewehren, Proviant, Eisenbahnmaterial widerstandslos.
Die Verständigung. 19
abnehmen, um nachher wie eine Viehherde behandelt zu werden. Die Begründung,
welche die Leute im Besetzungsgebiet und in der Heimat gaben, lautete durchwegs:
„Es muß einmal ein Ende nehmen“, und die Vorstellung, die sie damit verbanden,
war genau die gleiche wie an der Front; wenn sie aufhören, hören die andern auch
auf, und es löst sich dann alles in Friede und Wohlgefallen auf.
Am 28. November 1918 wußte Herr Liebknecht allerdings vor den Berliner
Deserteuren auf einmal: „Der Friede Wilsons, Clemenceaus und Kloyd Georges
ware ein Friede der Erdrosselung und könne nie und nimmer ein Friede von Dauer
sein.“ Als die Alldeutschen das zur rechten Zeit sagten, waren sie Kriegsverlängerer.
Noch mitten im Jusammenbruch wurde der Schwindel fortgesetzt, es hieß,
die französische Armee sei in voller Empörung, die englischen Vorpostenschiffe hätten
sich mit den deutschen verbrüdert, die ganze englische Flotte meutere. Die Waffensällstandsbedingungen
bräuchten nicht durchgeführt zu werden, den feindlichen
Armeen würde es nicht einfallen, deulsches Land zu betreten usw. usw. Nachdem
an der schärfsten Durchführung der Waffenstillstandsbedingungen nichts mehr
abzuleugnen war, ging der Schwindel in genau der gleichen Weise mit den zu erwartenden
Friedensbedingungen weiter. Die „Eingeweihten“ im Gasthof Adlon
wie in der letzten bayerischen Oorfschenke wußten, der Friede werde nicht so schlimm
verden, als es jetzt den Anschein habe, denn der Demokrat Wilson, die sozialdemokratiscken
französischen, englischen und amerikanischen Genossen, die päpstliche Kurie
würden eine völlige Vernichlung Deutschlands verhindern. Und wenn alles zu
geisasen. schien, dann war immer noch die „Weltrevolution“ da und mußte heralten.
Unmittelbar nach der Einsetzung der zweiten Räteregierung in München beteiligte
ich mich gelegentlich an den damals üblichen Straßenwortgefechten zwischen
Spartakisten und andern. Oie stets vorgebrachte Begründung der Spartakisien
für ihr Vorgehen war: „Oamoi (einmal) muß ogfanga wern; d'Franzosn san a
Menschen wia mear; boal mear ofanga, tean d’andern a mit.“ Also auch hier
wieder der „Verskändigungs'gedanke. An der willigen Aufnahme dieser falschen
Vorspiegelungen in der Masse des Volkes kann man erst ermessen, welchen ungeheuren
Einfluß die Leute des Verzichtfriedens nund der Völkerverständigung mit
Hilfe ihrer Parteiorganisationen, ihrer Presse, ihrer freiwilligen Helfer auch heute
noch haben, und daraus wird erst die volle Größe ihrer Versündigung an Volk
und Reich klar.
Bei den Diplomaten war es dieselbe Sache. Endlich hatten es die Versöhnungspolitiker
erreicht, ein Angebot stellen zu dürfen, das wirklich gar keinen Jweifel mehr
ließ über den völligen Verzicht auf jede nur im entferntesten alldeutsch anmutende
Forderung, an dessen „Aufrichtigkeir“ wohl der verbissenste Feind glauben mußte, das
das ganze Schicksal Deutschlands rückhaltslos dem Feinde anvertraute, das sich nur
rechtfertigen läht durch das jahrelang gepredigte Vertrauen auf jene sagenhaften
versöhnungsbereiten Schichten in allen feindlichen Ländern, mit denen nur die
bösen deutschen Militaristen unsere wahren Staatsmänner vom Schlage Erzbergers
usw. nicht zusammenkommen ließen. Nun kamen sie zusammen! Und wo blieben
lene Schichten? Die englischen Wahlen im Dezember 1918 gaben die vernichtende
Antwort; sie entpuppten sich als jene jämmerliche Minderheit, für die sie die Alldeutschen
immer erklärt hatten. Selbst die Führer der Pajifisten, Snowden, Yowett,
Ramsey, Macdonald, sind unterlegen, von den Ministern, auf deren „Versiändigkeir“
man große Hoffnungen gesetzt hatte, Runciman, John Simon, Henderson,
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