225 Offenes Schreiben an Herrn Heinrich Cernuschi 2c. 225
Einleitung der reinen Goldwährung? Doch halt, das Letztere bestreiten Sie
ja eben, denn wie Sie behaupten, würden gerade die von Frankreich nunmehr
eingeleiteten Maßregeln den schließlichen Triumph des Bimetallismus
herbeiführen. Ich habe also die Pflicht, so überflüssig, ja sonderbar es
erscheinen mag, den besonderen Beweis zu führen, daß ein Land, welches
seine Münzstätten dem Silber schließt und sich verpflichtet, hinkünftig nur
Gold zu prägen, der Goldwährung und nicht dem Bimetallismus zusteuert.
Aber das Eine werden Sie mir hoffentlich jetzt schon zugeben, daß nämlich
Frankreich, wenn es auch wirklich gegenwärtig, wo es den Bimetallismus
verläßt, demselben erst recht in die Hände arbeiten sollte, dies zum mindesten
unbewußt thut, daß die Absicht, von der es dabei geleitet wird, von Ihren
Absichten himmelweit verschieden ist. Oder bezweifeln Sie wirklich, daß
irgend ein franzöfischer Staatsmann sich auch nur einen Augenblick befinnen
würde, zuzugreifen, wenn man ihm den Vorschlag machte, Frankreich gegen.
eine vereinbarte fixre Summe die reine Goldwährung zu verschaffen? Glauben
Sie, daß die französische Nationalversammlung zögern würde, einem Finanzkonsortium,
welches den französischen Währungswechsel auf seine Kosten und
Gefahr innerhalb eines bestimmten Zeitraumes in Akkord nähme, dafür
100, 200 und mehr Millionen Franks zu votiren? Sie müßten von dem
Zauber Ihrer Argumente mehr, als ich vermuthe, eingenommen sein, wenn
Sie das bezweifeln wollten; und da es sich ähnlich in allen abendländischen
Staaten verhält, die heute die Goldwährung noch nicht besitzen, so geht
daraus zum mindesten das Eine zur Evidenz hervor, daß Sie, auch wenn
die Zukunft Ihnen gehören sollte, im Augenblicke bestenfalls nur Parteigenossen
wider Willen haben, daß Ihre Schützlinge sämmtlich froh wären,
zu den von Ihnen so arg geschmähten Monometallisten zu gehören. Sie
werden zugeben, daß das im Grunde genommen für Sie eine fehr fatale
Situation ist; ein Prophet mag noch so fest von der Richtigkeit seiner Voragungen
überzeugt sein, so muß es ihm doch peinlich erscheinen, keine
mitfühlende Seele zu finden, die aufrichtig an ihn glaubt, sondern im besten
Falle Genossen, die ihn blos anhören, weil ihnen das gegnerische Lager
verschlossen ist.
Indessen selbst so gründlich verkannte Propheten können immer noch
wahre Propheten sein; untersuchen wir also objektiv Ihre Vorhersagungen.
Ihnen zufolge ist der Sieg des Bimetallismus entschieden, sowie sich
England gebeugt hat, und da glücklicherweise England in der Münzfrage
ganz der Gnade Frankreichs und Nordamerika's überliefert ist, so brauchen
diese Beiden nur zu wollen, um es zur Kapitulation zu bringen. Die
französische Regierung brauchte ganz einfach die Silberausprägungen auch
fernerhin einzustellen und einige Millionen silberner Fünf-Franksstücke auf
den Londoner Markt zu werfen; Italien, Oesterreich-Ungarn und die nordamerikanische
Union brauchen blos ihre bisherigen Silberausprägungen zu
sistiren, und die unmittelbare Konsequenz ist eine so fürchterliche Panique
auf dem Londoner Silbermarkte, eine so grenzenlose Verwirrung in den
englischen Handelsbeziehungen mit Indien, daß England, es mag wollen
oder nicht, als reuiger Büßer in Paris erscheinen wird.
Ich muß nochmals hervorheben, daß es große Ueberwindung kostet,
diesen derben Scherz ernst zu nehmen. Um es zu thun, muß man sich
v. Holtzendorff. Brentano, Jahrbuch. III. 1. 15