IV. Die Enttäuschungen des Friedens und des Wiener Kongresses. 61
Frieden wiederholt war, erschwerte eine günstige Gestaltung
der Zukunft Preußens.
Ein Gefühl tiefer Enttäuschung ging durch die patriotischen
Kreise. Nicht bloß Gneisenau beklagte, daß statt einer edlen
Politik, wie sie der Beginn der Bewegung verheißen, wieder
die alten arglistigen Künste herrschten. Aus gegenseitigem Miß—
trauen diktierten die Verbündeten nicht dem besiegten Frankreich
den Frieden, sondern verständigten sich mit ihm als der fünften
Großmacht, als ob es kein Unrecht gegen Europa begangen
hätte. Daraus entnahmen die Franzosen ein ganz falsches
Bild von ihrer Stellung in Europa, und bei seiner Neuordnung
beanspruchten sie mitzuwirken. Waren sie vornehmlich durch
Preußen niedergekämpft, so galt auch ihre Feindschaft besonders
diesem. Nur wenn Preußen nicht aufkam, durften sie hoffen,
trotz ihrer Niederlagen ihre europäische Stellung zu behaupten.
Zunächst freilich traten diese Sorgen zurück gegen die
Siegesfeiern. Anfang Juni verließen die Monarchen Paris.
Mit dem Zaren folgte Friedrich Wilhelm der Einladung des
Prinzregenten nach England, wo namentlich Blücher als Held
des Krieges enthusiastisch gefeiert wurde. Am 5. August war
der König in Berlin. Am 7. zog er mit den Truppen festlich
ein. Der Garde und der Linie folgte die Landwehr. Als
diese durch das wieder mit seiner Viktoria geschmückte Brandenburger
Thor rückte, waren die jubelnden Massen nicht mehr
zu halten: die Bataillone brachen auseinander, die Frauen
stürzten den Gatten in die Arme, die Jungen trugen dem
Vater das Gewehr, und so wogte der ganze Zug dahin, die
Wehrmänner mit Kränzen bedeckt, Männer und Frauen durcheinander,
das Bild eines Volkes in Waffen. Und darin lag
die beste Bürgschaft für Preußens Zukunft.
Noch war Preußen mehr eine moralische als eine territorial
konstituierte Potenz. Die politische Realisierung jener
durch Zuweisung eines entsprechenden Gebietes stand noch aus.
Wohl hatte Preußen von seinem alten Besitz einzelnes, wie
Magdeburg, Kottbus (S. 35) und anderes mehr, ohne weiteres
eingezogen. Anderes, wie Westfalen, Berg und das Land
zwischen Maas und Mosel, unterstand bereits seiner Verwaltung.