Januar 1903. 411
Eine solche Verteidigung ist Herrn Castro meines Wissens in keiner euro—
päischen Zeitung und auch in keinem europäischen Parlament bisher zu
teil geworden. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, daß es sich
gegenüber Venezuela für die drei Mächte nicht allein um Geldfordernngen
handelt, sondern auch darum, ihr Ansehen zu verteidigen, das durch das
Vorgehen des Präsidenten Castro und durch die Art und Weise, wie er berechtigte
Forderungen in einer — schonend ausgedrückt — unhöflichen
Weise zurückwies, verletzt worden war. Wir hatten deshalb vollständig
recht, in Wahrung dieses unseres Ansehens vercint mit England und
Italien so vorzugehen, wie wir es getan haben.
Sehr gut! rechts.)
Meine Herren, der Herr Abgeordnete Schaedler hat am Anfange
der Etatsdebatte unter anderem gesagt, daß in der Welt uns gegenüber
mehr Haß als Liebe bestünde. In dieser Allgemeinheit halte ich das
nicht für richtig. Ich glaube, daß wir auf politischem Gebiet zuverlässige
Freunde haben, und ich glaube, daß die Welt sich den Strahlen des
Genius des deutschen Volks nicht verschlossen hat. Wenn ich neulich von
einem uns wenig günstig gesinnten Poeten gesprochen habe, so will ich
heute mich gern daran erinnern, daß vor wenigen Tagen ein anderer
uns freundlicherer Dichter, ein belgisch-französischer Dichter,4) hier in Berlin
nicht mit Unrecht das deutsche Volk das moralische Gewissen der Welt
genannt hat. Aber selbst, wenn so viel Haß und Abneigung gegen uns
bestünde, wie auch der Herr Abgeordnete Bebel anzunehmen scheint, so
ist meines Erachtens in der Politik Haß und Neid — und der Haß geht
ja gewöhnlich aus Neid hervor — immer noch süßer als Mitleid.
(Sehr richtig! rechts und in der Mitte.)
Halten wir unser Pulver trocken und zanken wir uns nicht zu viel unter
einander — und niemand wird uns an den Wagen fahren!
(Bravol)
4) Maurice Maeterlinck.