Full text : Regierungsblatt für das Königreich Württemberg vom Jahr 1903. (80)

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wart  alles,  also  auch  jeden  meiner  Gedanken  und  Willen
hervorbringe  und  so  gewissermaßen  durch  mich  selbst  zu
sich  bete,  oder  daß,  wenn  mein  Wille  ein  von  dem  Gottes
unabhängiger  sei,  es  eine  Vermessenheit  enthalte  und  von
einem  Zweifel  an  der  Unwandelbarkeit,  also  auch  an  der
vollkommenheit  des  göttlichen  Ratschlusses  zeuge,  wenn  man
glaube,  durch  menschliche  Bitten  darauf  Einfluß  zu  üben“?
Ist  das  nicht  der  logisch  konsequente  Pantheismus,  zu  dem
gumnasiale  formale  Denkbildung  den  Durchschnitt  befähigt?

Uebrigens  betonte  Schleiermacher  gewiß  im  Unterricht
  seiner  älteren  Jahre  die  läuternde  Wirkung  des  Gebets
auf  den  Betenden  selbst  mindestens  so  stark,  wie  er  die  Einwirkung
  auf  den  vollkommenen,  unveränderlichen  Schöpfer
als  „einen  Uebergang  in  das  Magische“  ablehnte.

Das  allerdings  mag  zutreffen,  daß  der  Schüler  nach
seiner  damaligen  Geisteslage  den  religiösen  Gefühlsinhalt
des  Unterrichtes  Schleiermachers  nicht  beachtete  und  nur  das
Gerippe  übrig  behielt.  Für  uns  ist  das  Wichtige,  daß  die
Wärme  und  Gemütskraft  des  Neubegründers  unserer  Religiosität
  eine  innerliche  Macht  auf  ihn  nicht  ausgeübt  hat  5).

Wenn  er  nun  auch,  wie  der  alte  Bismarck  in  den  „Gedanken
  und  Erinnerungen“  eingangs  urteilt,  als  „normales

Drodukt  unseres  staatlichen  Unterrichts“  —  warum  eigentlich
  die  Animosität?  —  die  Schule  als  antheist  verlassen
hat,  Ktheist  war  er  deshalb  noch  lange  nicht,  so  wenig  als
Republikaner.  Denn  der  Konsequenz  der  Gedanken  stand  in
ihm  die  Macht  der  angeborenen  Gefühle  und  geschichtlichen
S#mpathien  gegenüber;  sie  hielten  ihn  fest  auf  seiten  der

#utorität,  der  theistischen  und  monarchischen  Araditionen.