286 Oberstrichterliche Entscheldungen.
Kindererziehnug durch die geschiedene
Mutter. Conufessionsfrage. Stellungnahme
der Mutter und Obervormundschaft hiezu.
Nach gem. Recht ist das Erziehungsrecht gemäß dermaliger
Auffassung ein elterliches Recht, und ist nach
dem Ableben des Vaters die Mutter zur Erziehung der
Kinder gesetzlich berufen, wie dieses bereits im römischen
Rechte ausgesprochen ist: Educatio pupillorum tuorum
nulli magis qunm matri eorom, si non vitricum eis
induxerit, committenda est. L. 1 Cod. 5, 49.
Daß einer Mutter dieses Recht durch die Obrigkeit
aus Gründen entzogen werden kann, unterliegt hienach
keinem Zweifel. Im gegebenen Falle hat die Obervormundschaft,
gestützt auf Thatsachen gefunden, daß der
(geschiedenen, später auch verwittweten und unn im Concubinate
lebenden) Beschwerdeführerin ihre Kinder zur
Erziehung nicht zu belassen seien.
Wenn auch darin keine Gesetzesverletzung erkannt
werden kann, daß die Obervormundschaft der Beschwerdeführerin
die per sönliche Erziehung ihrer Kinder entzieht,
so greifen doch die angefochtenen Beschlüsse insoferne
tiefer in ihre mütterlichen Rechte ein, als sie die
Verbringung ihrer Kinder nach Amerika zum Zwecke ihrer
Erziehung anordnen. Wenn auch Beschwerdeführerin
ihre Kinder nicht bei sich behalten und erziehen darf, so
kann sie doch als deren Mutter fordern, daß ihr nicht
jede Annäherung an dieselben künftig unmöglich gemacht
werde, was nach den gegebenen Verhältnissen bei einer
Verbringung nach Amerika der Fall wäre. Es unterliegt
keinem Zweifel, daß dem Elterntheile, welchem das Erziehungsrecht
genommen ist, das natürliche Recht unverkümmert
bleiben muß, seine Kinder von Zeit zu Zeit zu
sehen und zu sprechen, und daß ihm der Zutritt zu denselben
nicht gänzlich versagt werden darf. Die X. erhebt
daher mit Recht Beschwerde gegen die Verbringung ihrer
Kinder nach Amerika, und kann es hiebei darauf, ob die