Metadata : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

432  R.  Reinhard,  [6

die  sich  mit  der  Lage  der  Städte  befassen.  So  legt  schon  J.  G.  Kohl
in  der  ältesten  der  hierher  gehörigen  Arbeiten,  in  seinem  Werke  „Der
Verkehr  und  die  Ansiedelung  der  Menschen  in  ihrer  Abhängigkeit  von
der  Gestaltung  der  Erdoberfläche“  das  Hauptgewicht  auf  die  Lage  der
Ansiedelungen,  und  zwar  auf  die  mehr  allgemeine  Lage.  Angeregt
durch  die  Kohlsche  Arbeit  behandeln  Güldenpenning!)  und  Schneider  ?)
die  Lage  der  Ansiedelungen  an  Meeresbusen.  Mit  den  Lagemerkmalen
der  nächsten  Umgebung,  des  eigentlichen  Bauplatzes  einer  Anzahl  von
Städten  beschäftigt  sich  eine  treffliche  Abhandlung  von  F.  G.  Hahn
über  „Die  Städte  der  norddeutschen  Tiefebene*.  Die  gleiche  Aufgabe
hat  sich  eine  Arbeit  von  Hugo  Bonk  über  „Die  Städte  und  Burgen
in  Altpreußen  in  ihrer  Beziehung  zur  Bodengestalt*  gestellt.  Weniger
zahlreich  sind  die  Arbeiten,  die  sich  mit  der  Stadtansiedelung  selbst,
ihrer  Gestalt,  ihrem  Straßennetz,  der  Bauweise  ihrer  Häuser  u.  s.  w.
befassen.  Joh.  Fritz  und  im  Anschluß  an  dessen  Werk  Otto  Schlüter
haben  Untersuchungen  angestellt,  die  sich  hauptsächlich  auf  die  alten
Stadtteile  unserer  deutschen  Städte  beziehen.  Andere  Arbeiten,  die
meist  aus  Architektenkreisen  stammen,  betrachten  die  Stadtanlagen
unter  Rücksichtnahme  auf  die  praktischen  Bedürfnisse  des  Verkehrs
oder  die  Anforderungen  der  menschlichen  Wohnungen  oder  auch  nach
der  künstlerisch-ästhetischen  Seite  hin.  Es  sei  hier  nur  der  Aufsätze
von  Buls?),  Henrici*),  Baumeister?)  und  Sitte  gedacht.  ’Die  genannten
Beispiele  ergeben,  daß  die  Arbeiten  der  zweiten  Gruppe  im  Grunde  auch
nur  Einzelbeschreibungen  sind,  sofern  sie  eben  eine  Anzahl  von  Städten
nur  unter  einem  oder  wenigen  Betrachtungspunkten  zum  Gegenstand
der  Behandlung  machen.  Solche  Arbeitsteilung,  wenn  hier  der  Ausdruck
  erlaubt  sei,  ist  wie  für  alle  Wissenschaften,  so  auch  für  die  Geographie
  nützlich  und  notwendig.  Andererseits  ist  aber  doch  zu  betonen,
  daß  ein  geographisches  Objekt  nur  dann  recht  zu  verstehen  ist,
wenn  es  in  Beziehung  gesetzt  wird  einmal  zu  Objekten  gleicher  oder
ähnlicher  Art  und  sodann  zu  allen  und  nicht  nur  zu  einem  der
mannigfaltigen  Faktoren,  durch  die  es  geographisch  bedingt  wird.  Die
einzigen  Arbeiten,  die  die  Städte  in  dieser  zusammenfassenden  Weise
behandeln,  sind  die  betreffenden  Kapitel  in  F.  Ratzels  „Anthropogeographie“
  und  „Politischer  Geographie“.  Jedoch  sind  diese  entsprechend
der  Stellung,  die  sie  in  jenen  Werken  einnehmen,  allgemein  gehalten.

Die  vorliegende  Arbeit  will  nun  den  Versuch  machen,  in  der
Behandlung  einer  bestimmten  Städtegruppe  die  Vorteile  jener  beiden
verschiedenen  Arten  von  Monographieen  zu  verbinden.  Sie  will  vergleichend
  und  im  Rahmen  der  betreffenden  Gruppe  zusammenfassend
sein  und  doch  dabei  Rücksicht  nehmen  auf  möglichst  alle  geographischen
  Merkmale.

!)  Güldenpenning,  Ueber  die  Besiedelung  der  Meerbusen.  Progr.  Pyritz  1883.

?)  Schneider,  Die  Siedelungen  an  Meeresbusen  in  ihrer  Abhängigkeit  von
den  geographischen  Bedingungen.  Diss.  Halle  1882.

3)  Chr,  Buls,  Aesthetik  der  Städte.  Giessen  1898.

ı)  K.  Henrici,  Von  welchen  Gedanken  sollen  wir  uns  beim  Ausbau  unserer
deutschen  Städte  leiten  lassen?  Trier  1894.

°;  R.  Baumeister,  Moderne  Stadterweiterungen.  Deutsche  Zeit-  und  Streit.
fragen.  Hamburg  188%.