112 Bismarck H
ufer Kompensationen für eine Veränderung in Deutschland zu ge—
winnen. Bismarck sagte nicht ja, er sagte nicht nein, liebenswür—
dig, heiter, offen, gab er sich als völlig gutmütiger Deutscher, der
leben und leben lassen will. Aber schon damals mag der Gedanke
in ihm aufgestiegen sein: man könne doch erst den gebenden Napo—
leon ausnützen und dann den fordernden auslachen. Mittlerweile
kommt es in Preußen zu heftigem inneren Zank.
Friedrich Wilhelm III. und IV. hatten beide für die Entfaltung
der preußischen Wehrmacht nichts mehr getan; die Bevölkerung
hatte um die Hälfte zugenommen, der alte Rekrutensatz war geblieben.
Prinz Wilhelm, mit Leib und Seele Soldat, zugleich auf
Preußens Machtstellung bedacht, suchte dieses Mißverhältnis durch
Aufstellung neuer Regimenter auszugleichen. Aber im Abgcordnetenhause,
das dazu die Mittel bewilligen mußte, hatten die liberalen,
bürgerlichen Parteien die Oberhand, die von einer Erhöhung
der Militärlasten nichts wissen wollten und irgendwelche politische
Experimente für ganz überflüssig hielten. Dieser Gegensatz
zwischen dem Regenten und den Abgeordneten wurde zunächst durch
ein Kompromiß ausgeglichen. Als aber 1861 der kranke König starb
und Wilhelm I. zur Regierung kam, da wollte dieser von der bisher
beobachteten Zurückhaltung nichts mehr wissen und seinen Willen,
den er für wohlbegründet halten durfte, durchsetzen gegen bürgerlichen
Widerspruch. Die neuen Regimenter sollten bestehen bleiben
auch ohne Geldbewilligung. Es läßt sich daran nicht deuten und
drehen: der König hatte das Recht zu fordern, aber auch das Abgeordnetenhaus
hatte ein Recht abzulehnen, und falls es auf dieser
Meinung bestand, so war das Beharren des Monarchen auf seiner
Ansicht eine Verletzung des Konstitutionalismus. Damit beginnt ein
Verfassungskonflikt in Preußen. Aufs tiefste werden die politischen
Leidenschaften des Volkes aufgewühlt, schroff und feindlich stehen
sich die Parteien gegenüber, selbst in die Familie des Königs greift
der Zwiespalt ein, sein Sohn, Kronprinz Friedrich Wilhelm, setzt
sich in Gegensatz zum väterlichen Wunsche. Mit wiederholter Auflösung
des Parlaments, mit Knebelung der Presse, Maßregelung
von Beamten, muß die Regierung arbeiten. Sicher wäre der König,
allein, in diesem Kampfe unterlegen; er fühlte sich zu alt, um so
Gewichtiges zu wagen; wenn er mit seiner Ansicht nicht durchdringen
konnte, so wollte er abdanken. Bevor er diesen Schritt tat, berief
er den Mann zu sich, den er bis jetzt gescheut hatte: Bismarck. Es ist
eine denkwürdige Unterredung, die sich am 20. September 1862 im