86 Buch I. Kap. 3.
im ägyptischen, im griechisch-italischen und im germanischen
Heidenthum. Die Wesenheit der zeugenden wie
der gebärenden Grundkraft faltet sich zu einer Reihe von
Naturmächten und von sittlich -sozialen Vorstellungen
auseinander oder, mythologisch gefaßt, der Gott Himmel
vermählt sich mit der Göttin Erde und aus diesem Ehebund
entspringen die Götter und die Göttinnen.
Sovweit es jetzt schon eine Möglichkeit, den heidnischen.
Glauben unserer Altvorderen zu überblicken, steht fest,
daß auch bei den Germanen die Erde als die große Göttermutter
gedacht und verehrt wurde. Wo Tacitus in der
Germania (40) des von geheimnißvollen Schauern umwehten
Kultus der Nerthus (Nirdu? Nertha? Hertha?)
gedenkt, bezeichnet er die Göttin ausdrücklich als, Mutter
Erde“ („Nerthum, i. e. Terram matrem colunt“)
und der von ihm gebrauchte Name Nerthus ist wohl nur
Lateinisirung des althochdeutschen Erada, Erda, im Angelsächsischen
Eordhe, im Altnordischen Jördh. Mit der
großen Erdgöttin zeugt der große Himmelsgott Wuotan
(Wodan, nord. Odhin) das germanische Göttergeschlecht.
Es tritt aber in der Gestalt der Nerthus nicht allein die
physische, sondern auch die moralische Natur des Weibes
deutlich hervor, das Sänftigende, Sittigende, die auf
Befriedung und Verschönerung des Lebens abzielende:-frauliche
Mission. „Auf einer Insel des Ozeans, erzählt
Tacitus, ist ein heiliger Hain und darin ein geweihter,
mit einem Teppich bedeckter Wagen, den nur der Priester
berühren darf. Er ahnt die Gegenwart der Göttin im
Heiligthum und folgt ihrem mit Kühen bespannten Wagen