Full text: Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Dritter Band. (3)

218 Der Feldzug im Osten vom 25. April bis 14. Mai 1915 
mit der Tatsache abfinden mag, daß ODurchbruchsschlachten größere Opfer 
kosten, und wie man sich auch zu der Forderung stellen mag, daß man 
nicht aufhören soll, die Amfassung zu suchen, solange der Gegner noch 
einen verwundbaren Flügel besitzt, wie dies auf seiten der Russen im 
Mai 1915 nördlich des Rjemenstromes noch der Fall war — sicher ist, 
daß Gorlice die Bahn zur operativen Wiederbelebung des erstarrten 
Krieges freischlug. 
Daran konnten die Versuche Nikolai Nikolajewieschs, den Südflügel 
der Verblndetken am Pruth abzuknicken, und ein großangelegter neuer 
Durchbruchsversuch Joffres zwischen der Scarpe und dem Kanal von La Bassée 
nichts ändern. Auch die Kriegserklärung Italiens an Osterreich-Ungarn 
und die Kämpfe der englisch-französischen Landungsarmee auf der Landzunge 
von Gallipoli vermochten den Siegeslauf Mackensens nicht mehr zum Siill. 
stand zu bringen. Die erlösende Schlacht war geschlagen, ehe sich der Zwei- 
frontenkrieg zum Dreifrontenkrieg erweitert hatte. Der strategische Kreis, 
in den die Mitetelmächte gebannt waren, erschien dadurch im Osten so nach 
außen gedehnt und hatte so an pressender Kraft eingebüße, daß der italie- 
nische Druck auf die Südflanke nicht mehr hinreichte, die Mictelmächte in 
tödlicher Amarmung zu erslicken. 
Dennoch schuf Italiens Vorgehen neue strategische Berhälenisse. Die 
apenninische Halbinsel wurde zum Sprungbretit für die Orienkfeldzüge der 
Entente. Der Eintritt Italiens in den Krieg erleichterte England die Aus- 
führung von Feldzugsplänen, die es von Agypten nach Gallipoli und 
ins Innere Syriens führten, und befestigte Albions Vorherrschaft in der 
Agsis, in der Großen Syrte und im Roten Meer. Rußlands Schwächung 
kam diesen Bestrebungen entgegen. Frankreichs Polieik, die nicht über 
den Vergeltungskrieg und die Wiedergewinnung Elsaß-Lothringens und — 
wenn alle Blütenträume reisten — die Eroberung des linken Rheinufers 
binausreichte, wurden durch den Anschluß Jcaliens und die Niederlage 
Rußlands nicht gefördert. Man maß aber in Paris der Balkanhalbinsel 
als der Einbruchspforte in Osterreich--Ungarns Südflanke und dem Winde- 
gliede zwischen Deueschland und dem Orient so große Bedeutung bei und 
wußte in der Levante so gewichtige Interessen gebertet, daß die französische 
Regierung daran dachte, auch dort mit Kriegsmacht aufzutreten und eine 
neue militärische Grundskellung zu schaffen. Es war der entscheidende Wurf 
in dem geschichelichen Spiele, das von der französischen Republik getreu der 
alten kontinentalen Politik des Frankreichs Richelieus, Ludwigs XIV. und 
der Napoleoniden mit leidenschaftlichem Eifer durchgeführt wurde. Frank. 
reich war bereik, die schwersten Blutopfer zu bringen, um der Kriegführung 
der Entente stärkeren Acem einzublasen und den Krieg so lange zu fristen, 
bis Albions Armeen zahlreich und kriegstüchtig genug waren, ebenbürtig 
im Felde zu erscheinen.