Das deutsche militärische System 105
Offizierkorps. In Deutschland werden ausschließlich iunge Männer von
höherer Bildung und aus gebildeten Familien stammend zum Offiziersberuf
zugelassen. Nur im Kriege werden Unteroffiziere, die sich durch
besondere Tapferkeit ausgezeichnet haben, zu Offizieren befördert. In
Frankreich können die Untceroffiziere avancieren bis zur Stellung eines
Kapitäns. Aber die militärischen Vorteile und Nachteile dieses Unterschiedes
ist hier nicht zu reden. Politisch aber ist zu bemerken, daß diesec
alten Kapitäne die Hauptstützen des Bonapartismus, des Säbelregiments,
sowohl unter Aapoleon I. wie unter Aapoleon III. waren.
Dierussische Armce ist dem Buchstaben nach der französischen am
dhulichsten. Auch sie beruht auf der allgemeinen Wehrpflicht und der
dreijährigen, für einen großen Teil der Armee (die Kavalleric, reitende
Artillerie, Ingenicurtruppen und fünf Armecekorps in Asien) sogar vierjährigen
Dienstzeit, und diese Dienstzeit ist im Fahre 1913 noch um ein
weiteres halbes Jahr verlängert worden vermöge der Vorschrift, daß
der älteste JZahrgang erst entlassen werden darf, wenn die Rekruten ihre
Ausbildung vollendet haben. Man darf also sagen, daß die russische
Armeeim Ourchschnitt eine 4 jährige Dienstzeit habe. Die Kosaken als ein
dauernder wenig disziplinierter Kriegerstand sind dabei noch nicht in Betracht
gezogen. Aber noch viel größer ist der Unterschied, der entspringt
aus dem Unterschied im Wohlstand und der Bildung zwischen dem russischen
Volk und dem französischen. Während in Frankreich alle jungen
Männer, dic einigermaßen tauglich sind, wirklich eingestellt werden,
bleiben in Rußland, so riesenhaft die Armee ist, doch sehr viele junge
Leute übrig, so daß dic allgemeine Wehrpflicht wohl dem Grundsatz, aber
nicht den Tatsachen nach existiert. Rußland hat dazu weder das Geld
noch das Material für ein entsprechendes Offizierkorps. Die ungcheure
Masse der Russen, ungefähr 80% besteht aus Bauern, die fast alle weder
lesen noch schreiben können. Der breite Mittelstand, der in Frankreich
wie in Deutschland das Reservecoffizierkorps trägt, existiert in Rußland
nur in einem ganz dünnen Rand. Za sogar an Personen, die Unteroffiziere
abgeben könnten, fehlt es so sehr, daß die Kompagnien nur
balb so viel Unteroffiziere haben wie bei uns. Rußland ist also nicht imstande,
die großen Reserve= und Landwehrformationen aufzustellen, die
das französische und deutsche Heer bei einer Mobilmachung so anschwellen
lassen. Zwar werden auch hier Reservedivisionen gebildet, aber
in der Hauptsache dienen die entlassenen Neservisten doch dazu, die
Cadres des stehenden Heeres aufzufüllen und zu ergänzen. Die Masse
des russischen Volkes ist freilich so groß, daß das russische Heer auf
dem Friedensstand größer ist als das deutsche, das österreichische, das