Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Pereinigte  Stasten  von  Nerdameriha  und  Nanads.  (April  2.—5.)  879

unseligen  alten  Zeit  zu  geschehen  pflegte,  als  die  Völker  noch  nirgends  von
ihren  Herrschern  befragt,  als  Kriege  im  Interesse  von  Dynastien  oder  auch
von  kleinen  Gruppen  ehrgeiziger  Männer  geführt  wurden,  die  gewohnt
waren,  ihre  Mitmenschen  als  bloße  Schachfiguren  und  Werkzeuge  zu  benutzen.
  Nationen,  die  sich  selbst  regieren,  überschwemmen  die  Nachbarländer
  nicht  mit  Spionen  und  zetteln  auch  keine  Intrigen  an,  um  eine
kritische  Lage  herbei3zuführen,  die  ihnen  Gelegenheit  gibt,  loszuschlagen  und
auf  Eroberungen  auszugehen.  Solche  Pläne  lassen  sich  nur  im  Verborgenen
schmieden,  und  wo  niemand  das  Recht  hat,  Fragen  zu  stellen.  Nur  in
der  Abgeschiedenheit  der  Höfe  oder  unter  dem  Schutze  der  sorgsam  gehüteten
  Geheimnisse,  die  zwischen  den  Mitgliedern  einer  engumgrenzten
privilegierten  Klasse  ausgetauscht  werden,  lassen  sich  durchtriebene  Pläne
ausarbeiten  und  geheim  halten,  die  auf  Täuschung  oder  Angriff  berechnet
sind,  und  die  sich  vielleicht  von  einer  Generation  auf  die  nächste  vererben.
Sie  sind  glücklicherweise  unmöglich,  wo  die  öffentliche  Meinung  darauf  besteht,
  über  alle  Angelegenheiten  der  Nation  voll  unterrichtet  zu  werden.

Ein  dauerhaftes  Einvernehmen  zugunsten  des  Friedens  ist  nur  in  der
Gestalt  einer  Genossenschaft  demokratischer  Nationen  möglich.  Einer  autokratischen
  Regierung  könnte  man  nicht  das  Vertrauen  entgegenbringen,
daß  sie  innerhalb  einer  solchen  Genossenschaft  Treu  und  Glauben  halten
würde.  Es  muß  eine  Ehrenliga  sein,  eine  Genossenschaft,  die  auf  gemeinsamen
  Anschauungen  beruht.  Intrigen  würden  ihr  am  Marke  zehren;
Machenschaften  innerer  Kreise,  die  nach  Belieben  Pläne  schmieden  könnten,
ohne  irgendwem  Rechenschaft  abzulegen,  würden  ihr  am  Herzen  fressen.
Nur  freie  Völker  sind  imstande,  ihr  Streben  und  ihre  Ehre  stetig  auf  ein
gemeinsames  Ziel  gerichtet  zu  halten  und  die  Interessen  der  Menschheit
kleinlichen  Eigeninteressen  jedweder  Art  voranzusetzen.  (A  steadfast  concert
  for  peace  can  never  be  maintained  except  by  a  partnership  of  democratic
  nations.  No  autocratic  government  could  be  trusted  to  keep  faith
within  it  or  observe  its  covenants.  It  must  be  a  league  of  honour,
Partnership  of  opinion.  Intrigue  would  eat  its  vitals  away;  the  plottings
of  inner  cirches  who  could  plan  what  they  would  and  render  account
to  no  one  would  be  a  cxorruption  seated  at  its  very  heart.  Only  free
peoples  can  hold  their  purpose  and  their  honour  steady  to  a  common
end  and  preler  the  interests  of  mankind  to  any  narrow  interest  of
their  own.)

Ist  nicht  jeder  Amerikaner  von  dem  Gefühle  durchdrungen,  daß  unsere
Hoffnung  auf  den  künftigen  Weltfrieden  neue  Kraft  gewonnen  hat  infolge
der  großartigen  und  herzerhebenden  Ereignisse,  die  sich  während  der  letzten
paar  Wochen  in  Rußland  abgespielt  haben?  Die  besten  Kenner  Rußlands
wußten,  daß  es  in  Wirklichkeit  im  Grunde  seines  Herzens  stets  demokratisch
war  —  in  seiner  ganzen  Gedankenrichtung,  in  all  den  intimeren  Beziehungen
  zwischen  seinen  Volksangehörigen,  wo  die  natürlichen  Neigungen
und  die  gewohnheitsmäßigen  Lebensanschauungen  zum  Ausdruck  kommen.
Solange  auch  die  Autokratie,  welche  den  Bau  des  russischen  Staatswesens
krönte,  bestanden  hat,  und  so  schrecklich  ihre  Macht  auch  war:  in  Wahrheit
war  sie  weder  ihrem  Ursprung,  noch  ihrem  Charakter,  noch  ihren  Zielen
nach  russisch;  und  nun  liegt  sie  abgeschüttelt  am  Boden,  und  das  große
und  großherzige  russ.  Volk  tritt  in  seiner  angeborenen  Majestät  und  Macht
in  die  Reihen  der  Scharen,  die  für  die  Freiheit  der  Welt,  für  Gerechtigkeit
  und  Frieden  kämpfen.  Das  ist  ein  Genosse,  der  in  eine  Ehrenliga  paßt!

Einer  der  Umstände,  die  zu  unserer  Ueberzeugung  beigetragen  haben,
daß  die  preuß.  Autokratie  niemals  unser  Freund  war  und  es  auch  niemals
sein  könnte,  ist  die  Tatsache,  daß  sie  vom  ersten  Anbeginn  des  Krieges  an