Metadata : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

Januar  1903.  393

Gutes  mit  sich  gebracht  hat,  zurückzuführen  ist  auf  die  gemeinsame  Arbeit
der  dentschen  Fürsten  und  dieses  hohen  Hauses.  Was  Sie  betrifft,  meine
Herren,  so  haben  Sie  ja  gegen  die  Arbeitergesetze  gestimmt.
(Sehr  richtig!  rechts.)

Und  auch  das  direkte,  allgemeine  und  geheime  Wahlrecht,  das  auzutasten
bei  keiner  Regierung  und  an  keiner  maßgebenden  Stelle  irgendwelche
Absicht  besteht,  ist  Ihnen  von  der  Monarchie  gewährt  und  freiwillig  gewährt
worden.

Seine  Majestät  der  Kaiser  ist  davon  durchdrungen,  daß  es  die  Aufgabe
  des  Staates  ist,  die  schützende  und  stützeude  und  helfende  Hand  über
die  wirtschaftlich  Schwachen  zu  halten.  Auf  solche  Fürsorge  hat  nach
Seiner  Ansicht  allerdings  jeder  wirtschaftlich  bedrängte  Stand  Anspruch,
also  nicht  nur  der  Industriearbeiter,  sondern  die  Landwirtschaft  auch.

(Zuruf.)
—  Jawohl,  der  Banuer  ist  auch  ein  Mensch  sozusagen.
(Heiterkeit.)  —

Seine  Mojestät  der  Kaiser  ist  aber  auch  davon  durchdrungen,  daß  die
Monarchic,  welche  am  Aufang  des  vorigen  Jahrhunderts  ohne  gewaltsame
  Erschütterung  den  Uebergang  gefunden  hat  vom  alten  zum  neuen
Staatswesen,  auch  heute  stark  und  einsichtig  genug  ist,  um  diejenigen
Uebelstände  und  Mißstände,  welche  neben  vielen  Lichtseiten  die  moderne
Entwicklung  der  Dinge  mit  sich  gebracht  hat,  die  sich  in  allen  vorgeschritteneren
  Ländern  finden,  und  die  wir  zusammenfassen  unter  dem
Namen  „soziale  Frage“,  zu  mildern  und  so  weit  zu  beseitigen,  wie  dies
möglich  ist  auf  dieser  unvollkommenen  Erde.  Im  Laufe  des  vorigen
Jahrhunderts  hat  sich  das  deutsche  Bürgertum,  erst  das  gebildete,  das
gelehrte  Bürgertum  der  Professoren,  dann  das  schaffende  der  Unternehmer
zu  Ansehen  und  Geltung  im  Staate  emporgerungen.  Es  ist  die  Ansicht
Seiner  Majestät  und  die  Ansicht  der  verbündeten  Regierungen,  daß  die
Aufgabe  unseres  Jahrhunderts  der  Ausbau  der  sozialen  Gesetzgebung  ist.
Seine  Majestät  der  Kaiser  ist  auch  davon  durchdrungen,  daß  die  Arbeiter
gleichberechtigt  sein  sollen  mit  den  anderen  Ständen  und  Klassen,  und
daß  diese  Gleichberechtigung  ihren  gesetzgeberischen  Ausdruck  finden  soll.

(Zuruf  von  den  Sozialdemokraten.)
Und  wenn  Arbeiter  sich  veraulaßt  finden  sollten  zu  Kundgebungen  —  ich
spreche  natürlich  nicht  von  irgend  einer  speziellen  Kundgebung  —,  so  haben
in  meinen  Augen  nur  solche  Kundgebungen  einen  Wert,  die  aus  dem  freien,
unbeeinflußten  Willen  der  Arbeiter  hervorgehen.
(Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten.)