Volltext : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

Kriegsberichte:  Dpernkämpfe

erbitterten  Kämpfe,  bei  denen  beide  Seiten  abwechselnd
  Angreifer  und  Verteidiger  waren,  kennzeichnen
sich  meist  als  Einzelgefechte  auf  der  in  dem  unübersichtlichen
  Gelände  vielfach  gebrochenen  Front.
Es  erübrigt  sich,  den  Kämpfen  in  den  Tagen  bis
zum  2.  Mai  im  einzelnen  nachzugehen.  Es  ist  ein
ähes  Ringen,  in  dem  die  Stärke  der  angreifenben
  Truppen  bedeutend  schwankt,  größere  zusammenhängende
  Angriffe  des  Gegners  aber  selten  sind.
Üüber  Ppern  zieht  er  Verstärkungen  heran,  die  auf
etwa  zwei  englische  und  ein  bis  zwei  französische  Divisionen
  zu  schätzen  sind.  Am  24.  April  wird  der  Angriff
  einer  englischen  Division  unter  schwersten  Verlusten
  für  diese  abgeschtagen.  Am  25.  werden  fünf
englische  Bataillone  westlich,  St.  Julien  durch  flankierendes
  Maschinengewehrfeuer  fast  bis  auf  den  letzten
  Mann  vernichtet.  Den  stärksten  Angriff
brachte  der  26.  April,  als  etwa  ein  Armeekorps  zwischen
  den  Straßen  von  Pilkem  nach  Dpern
und  St.  Julien  sowie  weiter  östlich  vorging;
er  wurde  blutig  abgewiesen,  und  3000  tote  Engländer
  blieben  liegen.  Denselben  Mißerfolg  hatte  ein
an  dem  Kanal  angelegter  breiter  Angriff  am  folgenden
  Tage.  Auch  aus  dem  östlichen  Punkt  ihrer  Stellung
  bei  Broodseinde  versuchten  die  Engländer
einen  Vorstoß.  Ein  starker,  aber  erfolgloser  anfersischer
  ngrif  am  1.  Mai  in  unserem  Westabschnitt
stellte  den  letzten  Versuch  des  Gegners  dar,  seine  Stellung,
  in  die  er  am  23.  April  gedrängt  war  und  die
er  am  2.  Mai  ebenfalls  aufgeben  mußte,  wieder  vorzutragen.
  Die  außerordentlich  froßen  Verluste  in
diesen  Kämpfen  —  vom  23.  April  bis  1.  Mai  (außer
Tausenden  von  Toten  und  Verwundeten  etwa  5000
Gefangene,  65  Geschütze,  darunter  vier  schwere  englische
  lange  Kanonen,  und  anderes  Kriegsmaterial)  —
hatten  den  Verbündeten  kein  Stück  des  am  22.  April
verlorenen  Geländes  zurückgebracht.  Dagegen  war
es  unseren  Truppen  gelungen,  die  eigenen  Linien
langsam  in  Gegend  St.  Julien  —  nordwestlich
g  Gravenstafel  —  vorzuschieben.  Von  großer
Wirkung  war  das  Feuer  der  deutschen  Artillerie,  das
sich  Tag  und  Nacht,  außer  auf  die  feindliche  Front,
gegen  die  rückwärtigen  Verbindungen  sowie  Dpern
Pchtete  und  sogar  den  12  km  westlich  dieser  Stadt
elegenen  Etappenhauptort  Poperinghe  erreichte.
Lie  Batte  rien  unseres  Südflügels  konnten  nach  dem
Erfolg  vom  22.  April  die  Angriffe  gegen  unseren
Nordflügel  im  Rücken  wirkungsvoll  unter  Feuer
nehmen.  Der  ganze  Raum,  den  die  Stellung  des
Gegners  umschloß,  war  von  drei  Seiten  durch  unser
Feuer  beherrscht,  dessen  verheerende  Wirkung  zahlreiche
  Brände  bekundeten.  Ypern  brannte.

Der  Gegner  hatte  den  Ernst  seiner  Lage  erkannt;
das  bewiesen  seine  verzweifelnden,  Verluste  nicht
achtenden  Angriffe.  Die  Meldungen  über  das  Herausziehen
  schwerer  Artillerie  aus  dem  Sack  und  der  Bau
eines  Brückenkopfes  dicht  östlich  bei  Dpern  sprachen  dafür,
  daß  die  Verbündeten  mit  dem  schließlichen  Verluste
  ihrer  vorgeschobenen  Stellungen,  vielleicht  mit
dem  Verlust  des  ganzen  rechten  Pserufers  rechneten.

Am  Kanal  zwischen  Steenstraate  und  Het
Sas  hatten  *7  selbständige  Kämpfe,  unabhänig

  von  den  bisher  geschilderten,  entwickelt,  mit  denen
2  nur  durch  gegenseitige  artilleristische  Unterstützung
der  benachbarten  Abschnitte  gegen  die  flankierenden
Batterien  des  Gegners  auf  dem  Westufer  des  Kanals
verbunden  waren.  Nach  der  Festsetzung  unserer
Truppen  auf  dem  linken  Kanalufer  in  der  Nacht  vom

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22.  zum  23.  April  war  es  ihre  nächste  Aufgabe,  die  gewonnenen
  Stellungen  in  zusammenhängender  Linie
unter  Gewinnung  von  Raum  nach  vorwärts  ausubauen.
  Diesem  Bestreben  setzte  der  Gegner  heftigen
iderstand  entgegen.  In  der  Nacht  vom  23.  zum
24.  April  entwickelten  sich  schwere  Kämpfe,  besonders
westlich  Steenstraate,  in  denen  unsere  Truppen  das
Dorf  Lizerne  vor  dem  rechten  Flügel  der  Front
stürmten.  In  erbittertem  Nahkampf  mußte  Haus
für  Haus  genommen  werden,  und  auf  beiden  Seiten
waren  die  Verluste  schwer.  Ein  Vorgehen  über  das
Kanalhindernis  in  Gegend  Boesinghe,  um  eine  breite
Basis  auf  dem  Westufer  zu  gewinnen,  war  unausführbar,
  weil  der  Gegner  die  Brücken  gesprengt  hatte.

Der  Vorstoß  über  den  Kanal  veranlaßte  aber  den
Gegner  in  den  folgenden  Tagen,  gegen  diese  verhältnismäßig.,
  schmale  deutsche  Fron!k  edeutende  Verstärkungen
  heranzuziehen,  die  für  die  entscheidenden
Kämpfe  in  dem  Sack  östlich  YDpern  verlorengingen.
Gegen  die  energischen  Angriffe  des  Gegners,  die  am
26.  April  begannen,  hatten  unsere  Truppen  einen
schweren  Stand.  Den  Brennpunkt  bildete  das  Dorf
Lizerne,  dessen  vorgeschobene  Lage  es  den  feindlichen
  Batterien  ermöglichte,  den  Ort  durch  konzentrisches
  Feuer  so  völlig  zuzudecken,  daß  der  Entschluß
gefaßt  wurde,  diesen  in  der  Nacht  vom  26.  zum  27.
April  freiwillig  zu  räumen  und  die  Besatzung
in  den  rückwärts  gelegenen,  starkausgebauten  Brückenkopf
  auf  dasselbe  Kanalufer  zurückzunehmen.  Am
28.  April  gelang  es  dem  Gegner,  in  einen  kleinen
Teil  unserer  Front  bei  Het  Sas  vorübergehend  mit
schwachen  Kräften  einzudringen,  die  indessen  bald
durch  voreilende  Reserven  zurückgeworfen  wurden.
Bei  einer  Wiederholung  dieses  Angriffes  suchte  der
Gegner  vergeblich,  durch  einen  gleichzeitigen  Vorstoß
durch  Turkos  und  Zuaven  auf  dem  östlichen  Ufer
längs  des  Kanals  den  Frontalangriff  zu  erleichtern.
In  den  ersten  Maitagen  nahm  die  lebhafte  Tätigkeit
der  französischen  Infanterie  gegen  unsere  Kanalstellungen
  ab,  und  der  Gegner  beschrant  sich  hier  in
der  Hauptsache  auf  Artilleriekämpfe,  denn  die  Entwicklung
  der  Lage  in  dem  Sack  östlich  Dpern  zog
seine  ganze  Aufmerksamkeit  dorthin.

Die  Schilderung  der  dortigen  Kämpfe  bis  zum
2.  Mai  hat  gezeigt,  daß  in  ihnen  im  allgemeinen  dem
Gegner  die  Rolle  des  Angreifers  überlassen  wurde,
und  die  vergeblichen,  in  ihrer  Gesamtheit  blutig  abgewiesenen
  Angriffe  mußten  ihn  schwächen  und  seinen
inneren  Halt  erschüttern,  wodurch  die  Fortsetung  des
deutschen  Angriffes  günstig  vorbereitet  wurde.

Der  Entschluß  hierzu  wurde  am  2.  Mai  gefaßt.
Am  Abend  dieses  Tages  begann  der  Angriff  auf
der  gan  zen  Nord-=  und  Nordostfront;  im
Westen  kam  er  in  der  Mitte,  südlich  St.  Julien,  in
dem  Abschnitt  zwischen  dem  westlich  des  Dorfes  gelegenen
  Wäldchen  und  der  Straße  Langemarck-Zonnebeke,
  vorwärts.  Noch  vor  Einbruch  der  Nacht
war  hier  Gelände  in  einer  Tiefe  von  ½—1  km  gewonnen
  und  die  Straße  Mosselmarkt-Fortuin
erreicht;  der  Läuserkampf  in  dem  letztgenannten  Orte
endete  mit  dem  deutschen  Sieg.  Zu  beiden  Seiten
dieses  Angriffsstreifens  entwickelten  sich  ebenfalls
hartnäckige  Kämpfe,  in  denen  unsere  Truppen  nur
sehr  lanesam  Boden  gewannen.  Trotz  bért  er  feindlicher
  Gegenangriffe  schoo  sich  aber  unsere  Linie  am
3.  Mai  weiter  vor.  In  kühnem  Sturm  entrissen
württembergische  und  sächsische  Bataillone  den  Engländern
  das  als  Stützpunktstark  ausgebaute  Wäldchen