Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

 

4  Otto  Franke  —

 

bewerb  des  Handels  offen  blieb,  und  daß  eine  starke,  aufgeklärte  ein—
heimische  Regierung  für  Ordnung  sorgte  und  unbefugte  Eingrisfe  von
außen  abzuwehren  wußte.  Der  deutsche  Fabrikant  und  Kaufmann  brauchen
  den  ehrlichen  Nebenbuhler  niemals  zu  fürchten,  wohl  aber  den  poli—
tischen  Bedränger  und  Eroberer.  Unverletzlichkeit  des  chinesischen  Ge—
biets,  offene  Tür  für  den  Handel  und  Festigung  der  chinesischen  Re—
gierung  sind  deshalb  die  Leitsterne  der  deutschen  Politik  während  der
letzten  beiden  Jahrzehnte  gewesen,  nicht  ans  tugendhafter  Empfindsamkeit,
  sondern  im  wohlverstandenen  eigenen  Interesse,  und  wenn  man  in
Oentschland  vorübergehend  irre  wurde  an  der  Durchführbarkeit  dieser
Politik,  so  hatte  dies  seinen  Grund  lediglich  in  den  Machtbestrebungen
der  vier  anderen  Großmächte,  deren  Riesenplänen  gegenüber  die  deutschen
  Absichten  immer  von  einer  zwerghaften  Bescheidenheit  blieben.
Oie  folgenden  Betrachtungen  werden  dies  näher  dartun,  wie  sie  auch
zeigen  werden,  daß  jene  Machtbestrebungen  mit  dem  Grundsatze  der
offenen  Tür  und  der  Unverletzlichkeit  Chinas  trotz  aller  lauten  Versicherungen
  vom  Gegenteil  nicht  zu  vereinigen  waren,  und  sie  werden
dabei  den  Beweis  erbringen,  daß  England,  Frankreich  und  Japan  nach
gemeinsamem  Plane  jede  Weitcerentwicklung  der  deutschen  Stellung  in
Ostasien  zu  hindern  und  den  deutschen  Wettbewerb  auszuschalten  trachteten.


Schon  gleich  nach  dem  Frieden  von  Schimonoseki  begannen  Rußland
  und  Frankreich  ihre  breit  angelegte  Stellung  im  Norden  und
Süden  an  den  Grenzen  Chinas  derartig  vorzutreiben,  daß  Deutschland
und,  in  weit  höherem  Maße,  England  von  wachsender  Besorgnis  erfüllt
  wurden.  Im  Juni  1895  gelang  es  Frankreich,  im  Widerspruch  mit
seinem  Versprechen  von  1885  (s.  oben  S.  437),  bei  China  nicht  bloß  ein  wesentliches
  Vorschieben  seiner  annamitischen  Grenze  nach  Bünnan  hinein
durchzusetzen,  sondern  auch  die  Offnung  mehrerer  Plätze  in  Bünnan  und
Kuangsi  für  den  französischen  Handel,  vor  allem  aber  die  grundsätzliche
  Zustimmung  zur  Verlängerung  der  annamitischen  Eisenbahnen  in
das  chinesische  Gebiet  und  ausschließliche  Vorrechte  bei  Bergwerksunternehmungen
  in  den  Provinzen  Bünnan,  Kuangsi  und  Knangtung  zu
erlangen,  wodurch  drei  Provinzen  zu  einer  besonderen  französischen  Einflußsphäre
  gestempelt  wurden.  Diese  Abmachungen  wurden  im  Jahre
1897  und  1898  durch  die  Konzessionen  zum  Bau  bestimmter  Eisenbahnlinien
  durch  B  ünnan  und  Kuangsi  vervollständigt.

Das  Entsprechende  vollzog  sich  im  Norden  von  dem  russischen  Besitz
  aus.  Im  Jahre  1891  war  der  Ban  der  großen  sibirischen  Eisenbahn
begonnen  worden,  die  zwar  ganz  auf  russischem  Gebiete  blieb,  aber