Full text : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

372  71.  Antrag  Kardorff.  —  72.  Bundesrat  und  Reichstagsbeschluß.

auf  eine  Anzahl  landwirtschaftlicher  Geräte  sah  der  Antrag  Kardorff  eine  Ermäßigung
vor.  Bei  der  dritten  Lesung  des  Tarifgesetzes  sollte  dann  die  Verständigung  über  den
Hauptpunkt,  die  Minimalzölle,  in  der  Art  erfolgen,  daß  die  von  der  Kommission  beschlossenen
  Minimalzölle  auf  Pferde,  Vieh  und  Fleisch  beseitigt,  die  Mindestsätze  für
Weizen,  Roggen  und  Haser  auf  die  Vorschläge  der  Regierung  zurückgeführt,  der  Gerstenzoll
  gespalten  wurde,  indem  der  Zoll  auf  Braugerste  von  3  auf  4  Mark  erhöht,  für
Futtergerste  aber  überhaupt  kein  Mindestzoll  festgesetzt  wurde.  Auf  diesem  Hintergrunde
gewann  der  Antrag  Kardorff  für  das  Schicksal  des  ganzen  Gesetzes  die  entscheidende
Bedeutung.  Deshalb  bat  der  erste  Redner  des  Tages,  der  nationalliberale  Abgeordnete
Bassermann,  den  anwesenden  Reichskanzler  um  eine  Erklärung  über  die  Stellung  der  verbündeten
  Regierungen.
Reichskanzler  Graf  von  Bülowig:

Meine  Herren,  der  Herr  Abgeordnete  Bassermann  hat  dem  Wunsche
Ausdruck  gegeben,  daß  ich  mich  aussprechen  möchte  über  die  in  dem  Antrag
  v.  Kardorff  vorgesehene  Herabsetzung  einer  Anzahl  von  Indnustriezöllen,
  über  die  Viehzölle  und  über  die  Handhabung  der  Seuchenpolizei.

Was  zunächst  die  Herabsetzung  einer  Anzahl  von  Industriezöllen
angeht,  so  möchte  ich  darauf  allgemein  hinweisen,  daß  es  sich  bei  der
Zolltarifvorlage  der  verbündeten  Regierungen  um  einen  autonomen  Tarif
handelt,  der  bestimmt  ist,  als  Grundlage  für  Handelsvertragsnnterhandlungen
  zu  dienen.  Von  entscheidender  Bedentung  kann  es  deshalb  für
die  verbündeten  Regierungen  nicht  sein,  wenn  die  Sätze  der  Positionen
in  der  Kommission  im  einzelnen  nach  oben  oder  nach  unten  Abänderungen
erfahren  haben.  Die  verbündeten  Regierungen  müssen  aber  doch  Wert
darauf  legen,  daß  die  in  ihrem  Tarifentwurf  enthaltenen  Verhandlungsobjekte
  keine  zu  weitgehende  Abschwächung  erfahren.  Als  erwünscht  kann
ich  deshalb  die  in  dem  Antrag  Kardorff  und  Genossen  vorgesehenen  Ermäßigungen
  von  antonomen  Zollsätzen  des  Tarifs  nicht  bezeichnen.  Wenn
indessen  der  Reichstag  die  vorgeschlagene  Ermäßigung  einer  Anzahl  von
Industriezöllen  beschließen  sollte,  so  werden  die  verbündeten  Regierungen
diesen  Vorschlag  in  eine  der  Wichtigkeit  der  Sache  entsprechende  ernste
und  wohlwollende  Erwägung  ziehen.

(Lachen  links.)

Die  handelspolitischen  Gründe,  aus  welchen  die  verbündeten  Regierungen
auf  eine  gesetzliche  Bindung  der  Viehzölle  nicht  eingehen  können,  sind  von
mir  und  meinen  Vertretern  wiederholt  und  eingehend  dargelegt  worden.
Die  verbündeten  Regierungen  sind  aber  fest  entschlossen,  beim  Abschluß
von  Handelsverträgen  unserer  heimischen  Viehzucht  einen  Zollschutz  in  der
Höhe  zu  sichern,  welche  erforderlich  ist  für  ihre  gedeihliche  Fortentwicklung

1)  Sten.  Ber.  d.  R.-T.,  10.  Leg.-Per.,  II.  Session,  234.  Sitzung,  S.  7088.