Metadata : Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.

117

es  wurde  von  diesem  aber  in  der  Folge  als  Recht  beansprucht,  wodurch
es  gewissermaßen  der  Ausgangspunkt  des  Kampfes  zwischen  Kaiser  und
Papst  geworden  ist,  der  das  ganze  Mittelalter  beherrschte.

Die  Nachfolger  Karls  hatten  es  dem  Papsttum  gegenüber  schon
schwieriger,  zumal  ihre  Macht  durch  innere  Kämpfe  in  der  Regel  erheblich
  geschwächt  war,  so  daß  das  Papsttum  seinem  Ziel  der  weltlichen
Oberhoheit  über  die  katholische  Christenheit  immer  näher  kam.  Die  ganze
Tätigkeit  und  Entwicklung  der  Kirche  im  Mittelalter  hat  dann  auch  unverkennbar
  hauptsächlich  eine  politische  Seite.  Die  Fürsten  und  auch  die
Kirche  waren  sich  darüber  einig,  daß  die  christlichen  Schafe  gründlich  geschoren
  und  diechristlichen  Bauern  gründlich  geschunden  werden  mußten;:
sie  waren  sich  nur  nicht  über  die  Verteilung  der  Beute  einig,  da  der  eine
dem  anderen  seinen  Beuteanteil  mißgönnte.  Diese  rein  politische  und
auch  rein  materialistische  Seite  des  Christentums  wurde  im  Mittelalter
vorherrschend.  Sie  hatte  mit  der  Lehre  Christi  und  mit  dem  Nachleben
der  ersten  Christen  auch  nicht  mehr  die  entfernteste  Ahnlichkeit;  sie  hat
dann  auch  bald  zu  jenen  erbitterten  Kämpfen  zwischen  Fürst  und
Klerus  geführt,  die  das  Germanentum  auszutragen  hatte  und  wenn  es
nicht  daran  zugrunde  gegangen  ist,  so  hat  es  dieses  nur  seiner
unverwüstlichen  gesunden  Natur  zu  verdanken.

Es  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  die  Germanen  durch  die  Bekehrung
  zum  Christentum  einen  für  sie  verhängnisvollen  Schritt  getan
haben,  denn  sie  sind  damit  in  eine  weltbürgerliche  Aussöhnungspolitik
orientalischer  Herkunft  geraten,  in  der  sie  mit  ihrer  Aufrichtigkeit  und
Ehrlichkeit  bis  heute  noch  keinen  Schritt  weiter  gekommen  sind,  da  sonst
der  Weltkrieg  1914—18  eine  Unmöglichkeit  sein  mußte.  Das  Christentum
  hat  im  Gegenteil  durch  seine  philosophische  Unsicherheit  die  natürlichen
  nationalen  und  Rassegegensätze  noch  durch  widernatürliche  konfessionelle
  vermehrt  und  dadurch  die  unheilvollen  Bruderkriege  entfacht,
von  denen  der  30  jährige  Krieg  für  Deutschland  so  schwerwiegende  Folgen
  gehabt  hat.  In  dieser  Hinsicht  ist  das  Christentum  in  seiner
römischen  Aufmachung  für  das  Germanentum  eine  orientalische  Pille
gewesen,  an  der  es  fast  zugrunde  gegangen  ist.

Anderseits  hat  die  Kirche  durch  Einführung  des  Gottesgnadentums
  für  die  Fürsten  auch  dem  weltlichen  Absolutismus  erst  die  Wege
geebnet,  wenn  auch  schließlich  nur,  um  ihn  für  sich  zu  gebrauchen.
Während  bis  dahin  bei  den  Germanen  Fürst  und  Volk  mehr  oder
weniger  durch  Treue  miteinander  verbunden  waren,  so  bildete  sich
durch  das  Christentum  das  Verhältnis  der  Erbuntertänigkeit  heraus,
nach  der  schließlich  das  Volk  als  geknechtete  Masse  nur  noch  als  Mittel
für  fürstlichen  Größenwahn  angesehen  wurde.