Full text : Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

110.  1611  269

110.  Abschied  der  oberländischen  Ligastände  zu
Augsburg.

Die  Gesandten  der  Stände  sind  am  16.  zusammengekommen!  und
haben  die  Punkte  des  Ausschreibens  erörtert.  —  Wegen  der  Einnahme
des  Hauses  Sachsen  ist  ihnen  das  Schreiben  des  Kurfürsten

ob  man  bemelte  „potontaten  darzue  disponiret  oder  sie  von  sich  selbst  fernere
assistenz  abgeschlagen.“  Einer  der  kurbrandenburgischen  Räte  [wol  Pruckmann]
  ist  aus  Furcht  beinaho  den  Assistenten  beigetreten;  Hessen  [Landgraf
  Moriz]  fiel  gar  fast  mit  der  Tür  ins  Haus,  wollte  Brandenburga
„,Notdurft‘‘  Sachsen  nicht  referieren  und  zwang  fast  die  kurbrandenburgischen
Räte,  in  alles  zu  willigen,  was  die  Assistenten  wollten;  „dargegen  man
Brandenburg  theils  kein  haubt  gehabt,  dahin  man  sich  hette  können  halten.
Die  assistenten  haben  den  churfurston  zue  Brandenburg  unter  sich  gehabt
und  zu  ihrem  gefallen  gebraucht.  Weil  dann  auch  darzue  gekommen,  dass
des  kaisers  räte  (woruf  sich  Sachsen  verlesst)  in  höchster  gefahr  seind  und
Matthias  gegen  Brandenburg  fleissig  correspondiret,  auch  numehr  resolvirt,
sich  nicht  eher  aus  Behmen  zue  begeben,  er  welle  dann  sein  regiment
daselbst  stabiliren  und  alles  in  sicherheit  bringen,  so  hat  solcher  prooess
wegen  einnebmung  Saxens  in  die  possession  die  brandenburgischen  räte  gar
heftig  verdrossen;  seind  darüber  ausgefilzt;  man  hat  ihnen  die  eusserste
gefahr  anerboten,  biss  dass  sie  es  entlich  cum  protestatione  tacite  haben
müessen  gehen  lassen,  wie  es  gehet.“  Manche  gönnen  eben  dem  Hause
Brandenburg  den  Zuwachs  nicht;  Gott  wird  aber  alle  falschen  Herzen  wol
finden.  „Es  mangelt  allerseits  am  haubt;  reliqua  membra  languescunt.  Ess  soll
kein  mensch  glauben,  dass  solche  untreu  unter  grossen  herro  verhanden.
Es  ist  kein  amor  religionis  oder  libertatis  publicae  zue  splieren,  ehr  und
eigennutz  haben  den  vorgang.  Man  sagt,  Brandenburg  könne  allein  die
lande  nicht  erhalten,  hingegen  sagt  man,  ein  land,  das  beisammen  ist,  kann
sich  besser  defendiren  als  wann  es  in  viel  theil  zerrissen  würt.  Sachsen
kann  auch  allein  nicht  die  lande  erhalten  sondern,  wann  die  lande  beisammen
bleiben,  einen  gewissen  herrn  haben,  mit  den  Staden  und  Franzosen  wol
stehen,  darin  beruhet  ihre  macht.

Das  beste  fundament  der  assistenten  ist,  dass  durch  den  vertrag  bei
diesen  gefehrlichen  leuften  das  churfurstliche  cullegium  einig  sein  muss,
sonst  könne  kein  reichstag  oder  andere  zusammenkunft  gehalten  werden.
Man  fragt  aber  hinwiderumb,  wer  dann  in  solchen  fällen  weichen  soll,  der
recht  oder  unrecht  begehret.  Brandenburg  erbeut  sich  zue  schleinigem
rechte,  Saxen  will  von  keinem  rechten  hören,  will  mit  gewalt  in  die
possession  und  [begert|  keines  andern.  Brandenburgs  bruder,  der  erzbischof  |von
Magdeburg],  fellet  dem  churfursten  auch  abe,  die  andern  vettern  sagen,  von
der  union  habe  der  churfurst  zue  Brandenburg  wenig  hilfe  zue  gewarten,
und  fallen  also  dem  bei,  der  der  union  zuwider.  Mancher  wünschet,  dass
er  diese  zeit  nicht  erlebet  hette;  mancher  hat  sich  gemühet,  dass  er  allen
seinen  vigorem  verloren.  Hette  Brandenburg  keine  assistenten  gehabt,  so
hette  es  aequioribus  conditionibus  pacisciren  können“.  Graf  von  Lynar  hat
Kurbrandenburg  schlechte  Dienste  erwiesen,  Gerstenberg  war  stets  bei  ihm
und  bei  Distelmeyer  (Schl.,  13./3.  ;  Kopie).

ı  Die  Gesandten  sind:  für  Baiern  —  Joachim  von  Donnersberg  und
Eisenheim;  für  Bamberg  —  Hans  Onuphrius  von  Pellheim;  für  Würzburg  —
Valentin  Echter  zu  Meepelbrunn;  für  Konstanz  —  D.r  Johann  Jakob
Deschler;  für  Augsburg  (zugleich  für  Kempten)  —  D.r  Mathes;  für  Regensburg
  —  D.r  Simprecht  Mertz,  Kanzler;  für  Ellwangen  —  Gebhard  Schelbammer;
  für  die  Reichspraelaten  —  D.'  Albrecht  Everhart;  für  die  Grafen
und  Herrn  --  Johann  Jakob  Oppenheimer.

März  21.