Metadaten : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

394  rankreich.  (März  19.  21.)

teidigung  und  Entwicklung  einsetzen.  Indem  Rußland  seine  Geschicke  erfüllt,
  hat  es  sein  Bündnis  mit  den  westlichen  Demokraten  enger  geknüpft.
Es  ist  in  die  große  Bewegung  eingetreten,  die  die  Völker  Europas,  Amerikas
  und  Asiens  zum  Ausbau  ihrer  politischen  Institutionen  mitreißt  und
die  die  Gemeinschaft  der  Nationen  vorbereitet.

19.  März.  Bildung  des  Kabinetts  Ribot.

Zusammensetzung:  Vorsitz  und  Aeußeres:  Ribot;  Justiz:  Viviani:
Krieg:  Painleve;  Marine:  Admiral  Lacaze;  Bewaffnungswesen:  Thomas;
  Finanzen:  Thierry:  Inneres:  Malvy;  öffentl.  Unterricht:  Steeg:
össentl.  Arbeiten:  Desplas;  Handel:  Clémentel;  Ackerbau:  Fernand
David;  Verpflegung:  Violette:  Arbeit  und  soz.  Fürsorge:  Léon  Bourgeois;
  Kolonien:  Maginot;  Unterstaatssekr.  des  Flugwesens:  D.  Vincent.

Ueber  die  Umbildung  des  Kabinetts  meldet  der  „Schweiz.  Preßtelegraph“:
  Zur  Ueberraschung  vieler  fehlt  in  der  Ministerliste  der  Name
Briand.  Allgemein  hatte  man  erwartet,  daß  Poincaré  ihn  wenigstens  mit
der  Führung  der  ausw.  Angelegenheiten  betrauen  werde.  Wahrscheinlich
hielten  weder  Briand  noch  die  Oppositionsführer,  die  in  das  neue  Kabinett
eintraten,  eine  Zusammenarbeit  in  irgendeiner  Weise  für  möglich.  Der
75  Jahre  alte  Alexandre  Ribot  war  schon  wiederholt  Ministerpräsident
und  zuletzt  in  den  Kabinetten  Viviani  und  Briand  Finanzminister.  Ribot
hat  unzweifelhaft  eine  außerordentliche  politische  und  parlamentarische  Erfjahrung.
  Da  er  in  seiner  Person  das  allgemeine  Vertrauen  des  Volkes
vereinigt,  erscheint  er  als  der  geeignete  Leiter  eines  Einheitskabinetts,  wie
sich  das  neue  Kabinett  darstellt.  Viviani,  Lacaze,  Thomas,  Malvy
und  Clémentel  behalten  ihre  bisherigen  Ministerien  bei.  Die  neuen
Männer  sind  der  Opposition  entnommen.  Die  Ernennung  des  Mathematikers
  Painlevé,  der  im  Kabinett  Briand  bis  zu  dessen  Umbildung
am  13.  Dezember  1916  Unterrichtsminister  war,  zum  Kriegsminister  ist
eine  Rückkehr  zu  der  Uebung,  auch  das  Kriegsministerium  nicht  nur  mit
Fachleuten,  sondern  mit  Parlamentariern  zu  besetzen.  Kolonialminister
Maginot,  bisher  Vorsitzender  des  Heeresausschusses  der  Kammer  (sein
Nachsolger  wird  Noulens),  und  Painlevé  waren  die  Hauptführer  der  Kammeropposition.
  Durch  die  Zulassung  Maginots  zum  Kriegsrat  werden  der  Opposition
  weitgehende  Zugeständnisse  gemacht.  Die  Ministerien  für  Arbeit,
Unterricht  und  Landwirtschaft,  die  am  13.  Dezember  1916  aufgehoben  worden
waren,  sind  als  selbständige  Ministerien  wiederhergestellt  worden.  Alles  in
allem  darf  das  Kabinett  als  ein  Kompromißministerium  angesehen
werden,  mit  dessen  Zusammensetzung  Ribot  durch  Heranziehung  der  Oppositionsführer
  die  innere  politische  Lage  und  namentlich  die  parlamentarische
  Ruhe  sicherstellen  will.

Von  den  neuen  Männern  hat  sich  Abg.  Violette  (rep.  Soz.  wie  Painlevé
  und  Viviani)  durch  seine  Kritik  der  Militärverwaltung  einen  Namen
gemacht.  Abg.  Desplas  (Fraktion  der  rad.  Linken)  erstattete  wiederholt
Bericht  in  der  Kommission  für  Kriegsschäden.  Abg.  D.  Vincent  (Rad.-Soz.]
gilt  als  Spezialist  des  Flugwesens.  Sämtliche  Minister,  bis  auf  Admiral
Lacaze,  gehören  dem  Parlamente  an.

21.  März.  (Kammer.)  Programmrede  Ribots.

Zu  Beginn  der  Sitzung  bringt  Präsident  Deschanel  die  Wünsche
der  Kammer  für  das  „freie  russische  Brudervolk“  zum  Ausdruck.  Hierauf
gibt  Ministerpräsident  Ribot  folgende  Kabinettserklärung  ab:  Nach  32  Monaten
  sind  wir  in  die  entscheidende  Phase  dieses  schrecklichen  Krieges  getreten,
  in  den  wir  durch  einen  nicht  zu  entschuldigenden  Angriff  gestürz
sind,  und  den  wir  entschlossen  und  mit  der  äußersten  Kraft  führen  werden,