Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beufsches  Reich.  April  16.)  411

festgestellten  Rationen  der  Bevölkerung  auch  zugeführt  werden  können.  Es
sei  vorbehaltlich  der  jetzt  schwebenden  Nachprüfungen  der  Bestandsaufnahmen
damit  zu  rechnen,  daß  die  erhofften  Mehrbestände  sich  ausweisen  würden.
Jedenfalls  seien  alle  Anordnungen  dahin  getroffen,  die  Bestände  durchgreifend
  zu  erfassen  und  den  Konsumenten  zuzuführen.  Wenn  irgendwo
Stockungen  entstehen  sollten,  könnten  sie  nur  vorübergehend  und  lokaler
Natur  und  die  Folge  von  Transportschwierigkeiten  sein  und  würden  dann
jederzeit  durch  die  zugesicherten  Ersatzleistungen  in  Mehl  ausgeglichen  werden.
Für  die  wirksamere  Erfassung  weiterer  Nahrungsmittel,  wie  Eier,  Milch
und  Gemüse,  sei  die  Durchführung  einer  wirksameren  Organisation  zur  Erfassung
  der  Güter  in  weiten  Teilen  des  Landes  bereits  durchgeführt  und
in  den  übrigen  in  der  Entwickelung.  Das  System  der  Erfassungen  werde
das  der  Landlieferung  bezw.  der  Schaffung  von  Sammelstellen  sein,  die  in
jedem  einzelnen  Dorf  den  Ankauf  der  Landesprodukte  vornehmen  sollten.
Gleichzeitig  werde  durch  das  Verbot  des  Verkaufes  unter  der  Hand,  im
Schleichhandel,  die  Möglichkeit  genommen  werden,  die  Landesprodukte  wie
bisher  der  Allgemeinheit  zu  entziehen  und  lediglich  leistungsfähigen  Käufern
vorzubehalten.  Der  Staatskommissar  erklärte  ferner  sein  Einverständnis,  daß
die  heute  versammelten  Vertreter  der  Arbeiterschaft  als  ständige  Kommission
bei  dem  Oberbürgermeister  von  Berlin  bezw.  dem  Arbeitsausschuß  für  Groß-Berlin
  fortan  in  Fragen  der  Verteilung  der  Nahrungsmittel  fungieren,  und
erklärte  sich  gern  bereit.  auch  seinerseits  diese  Kommission  über  die  Ernährungsfragen
  auf  dem  laufenden  zu  halten  und  sie  insbesondere  zu  hören,
wenn  durch  Veränderung  in  den  Beständen  oder  aus  anderen  Gründen
Veränderungen  in  der  Bemessung  der  Nahrungsmittel  für  die  Bevölkerung
von  Groß-Berlin  in  Frage  kämen.

Ueber  die  Verhandlungen  zwischen  Arbeitervertretern  und  Mitgliedern
der  Behörden  berichtet  der  „Vorwärts“  am  18.  noch:  Nachdem  die
Arbeiterforderungen  in  der  Ernährungsfrage  befriedigend  geregelt  waren,
besprachen  die  Arbeitervertreter  in  der  Sitzung  mit  dem  Staatskommissar
noch  einige  andere  Fragen,  die  mittelbar  mit  dem  Streik  in  Verbindung
stehen.  Man  fürchtete,  daß  die  Streikenden,  die  vom  Militärdienst  auf  Reklamation
  freigestellt  sind,  gemaßregelt  werden  könnten,  und  wünschte  eine
Zusage,  daß  derartige  Maßregelungen  nicht  vorgenommen  werden.  Staatskommissar
  Michaelis  hat  nach  Rücksprache  mit  den  in  Frage  kommenden
Behörden  erklärt,  daß  jede  Benachteiligung  der  Reklamierten  wegen  ihrer
Beteiligung  an  der  Arbeitsniederlegung  unterbleiben  wird.  Schließlich  kam
noch  eine  Angelegenheit  zur  Sprache,  die  bei  den  Streikenden  lebhaften
Unmut  hervorgerufen  hat.  Ein  Funktionär  des  Metallarbeiterverbandes  ist
nämlich  am  14.  d.  M.  aus  nicht  bekannten  Gründen  unvermutet  und  in
auffallender  Weise  zum  Militärdienst  eingezogen  worden.  Staatskommissar
Michaelis  erbot  sich,  diese  Angelegenheit  an  zuständiger  Stelle  zur  Sprache
zu  bringen,  und  meinte,  wenn  es  so  sein  sollte,  wie  die  Arbeitervertreter
vortrugen,  dann  würde  wohl  ihr  Wunsch  von  der  zuständigen  Stelle  erfüllt
  werden.  Wegen  dieser  Angelegenheit  möge  sich  die  Kommission  der
Arbeiter  mit  dem  Oberkommando  in  Verbindung  setzen.

Am  Montag  abend  (16.)  wurde  einer  Versammlung  der  Betriebsvertreter
  der  Streikenden  Bericht  über  das  Ergebnis  der  Verhandlung
erstattet.  Die  Meinung  der  Versammlung  ging  dahin,  daß  zwar  nicht  alle
Wünsche  der  Arbeiter  erfüllt  seien,  daß  man  sich  aber,  soweit  es  sich  um
die  Ernährungsfrage  handelt,  mit  den  Zusicherungen  des  Staatskommissars
zufriedengebe  in  der  bestimmten  Erwartung,  daß  dieselben  auch  unbedingt
erfüllt  werden.  Die  Abstimmung  ergab  die  fast  einstimmige  Annahme  der
zugesicherten  Regelung  der  Ernährungsfrage.  Als  noch  nicht  erledigt  er-