Krebs: Galizischer Kriegsschauplatz
Ostlich der Weichsel und nordöstlich der Sanniede-
rung liegt in der Fortsetzung der podolischen Platte
eine beiderseits scharf abgesetzte Kreidetafel, die
nahe der Weichsel wieder mit Löß bedeckt ist. Der
Südrand ist bei Janöôw und Tereszpol scharf und er-
hedt sich über 300 m. Nordwärts aber senkt sich die
von kleinen, steilwandigen Tälchen zerschnittene Platte
allmählich über Krasnik gegen Lublin und Cholm.
Im Osten wird sie sowohl vom Wieprz wie vom Bug
in gewundenen Tälern gequert und taucht unter die
Niederung, in der die Quellen des Bug und des zum
Pripjet führenden Styr liegen. Der schmale Lem-
berg-Tomaszöwer Rücken verbindet sie mit der
podolischen Platte. Fast 400 m hoch und kalkärmer,
hat er selten seine ursprüngliche Plateaugestalt be-
wahrt und ist fast bis auf einen schmalen Scheide-
rücken abgetragen worden. Doch ist sein nordöstlicher
Abfall bei Rawa ruska und Zölkiew gut ausgeprägt.
Er überragt die obere Bugniederung um 170 m.
Diese ist, von einigen aus Kreihemergeln aufgebau-
ten Hügelwellen abgesehen, von mächtigen diluvialen
Sanden erfüllt, die vor dem Ende der nordischen Ver-
gletscherung zur Ablagerung kamen. Mächtige Dünen-
züge, die durch Baumwuchs wohl gefestigt sind, aber
bei Rodungen neuerdings in Bewegung geraten, und
dazwischen wieder ausgedehnte Moore erschweren den
Berkehr und machen die Niederung, wie es auch sonst
in Galizien der Fall zu sein pflegt, auch wegen der
ausgedehnten Föhrenwälder zu einer viel ärmeren
Landschaft als die angrenzenden Hochflächen. Das
gleiche gilt von der dreieckigen Fläche der San-
niederung, die zwischen Weichsel und San liegt
und sich über diesen in die Region des Tanew erstreckt.
Weite, teilweise versumpfte Wälder, meist noch in der
Hand des Großgrundbesitzes, erschweren hier die Ope-
rationen wie den Ausblick in dem bei Hochwasser viel-
fach überschwemmten Gelände. Ein Gewirr von Dü-
nen, Sümpfen und Mooren in der Spitze des Weichsel-
San-Dreiecks ist als „Sandomierzer Wildnis= be-
kannt. Offeneres Gelände decken Heiden vom Cha-
rakter des Lüneburger Landrückens, und erst weiter
#een Süden beginnen wohlhabendere Dörfer im
ereich besseren Bodens.
Die podolische Platte, die auf österreichischem
Boden das Dreieck Brody-Lemberg-Dnjestrlauf bis
Halicz-Pruth erfüllt, ist eine von zahlreichen paral-
lelen Flüssen zerschnittene Pultfläche, die sich von dem
400—470 m hohen nördlichen Steilrand sanft gegen
den Dujestr abdacht. Im Westen ist das breite, ver-
sumpfte Wereszycatal, das in den Kämpfen bei Groé-
dek benutzt wurde, als Grenze aufzufassen; im Süden
gewinnt der enge, gewundene Cañon des Duzestr mit
den basteiartig vorspringenden Tafelrändern erhöhte
strategische Bedeutung. Die völlig flach liegenden
Schichten des Untergrundes sind nur an den steileren
Ostseiten der tief eingeschnittenen Täler sichtbar. Die
fast ebenen Plateauflächen und die sanften, zur Ver-
teidigung minder geeigneten Westgehänge sind mit
Löß überkleidet, der einen sehr fruchtbaren Schwarz-
erde-Boden schafft. Die Querung der Platte ist leich-
ter durchzuführen in ihrem nördlichen, höheren Teil,
wo die Flüsse in flachen, von Teichen und Sumpf-
wiesen eingenommenen Quellmulden entspringen, als
weiter im Süden, wo sie tief eingeschnitten sind. In
den Tälern liegen, lang hingereiht längs der Flüsse,
die Ortschaften; oben auf der Höhe sind nur Acker-
fluren und Weideflächen, weithin sich dehnend wie in
der angrenzenden füdrussischen Steppe. Im Som-
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mer versinkt alles im Staub des durstigen Lößbodens,
im Winter brausen eisige Schneestürme über die baum-
losen Triften.
Der Dnujestrlauf bietet auch oberhalb von Halicz,
wo er in die podolische Platte eintritt, eine gute stra-
tegische Linie, allerdings wiederum mit dem Vorteil
für den den Nordosten beherrschenden Gegner. Eine
weite Sumpfregion. -Wielko blato-, die zur Zeit der
Schneeschmelze und anläßlich der Frühsommerregen
völlig unpassierbar wird, erstreckt sich von Sambor
ostwärts bis zum gewaltigen Schuttkegel des Stryj,
der, wie alle Karpathenflüsse Überaus launisch in sei-
ner Wasserführung und schuttreich, vielfache Verhee-
rungen anrichtet. Die wenigen Brückenstellen am
Dnujestr bei Mikolajow, Zydaczöw und Zurawnohaben
die Russen bei ihrem Rückzug zähe verteidigt. Zwi-
schen den Fluß und den hier scharf ausgeprägten Kar-
pathenrand legt sich das etwa 40—50 km breite po-
kutische Hügelland mit den Städten Sambor,
Stryi. Kalusz. Stanislau und Kolomea, das sich mit
ähnlichem Charakter in die Bukowina bis Czerno-
witz und Sereth erstreckt. Alle diese Städte sind
Brückenorte in den breiten, oft versumpften Tälern
der in wildem Lauf dahinströmenden Karpathen-
flüsse, oft in vorzüglicher geschützter Lage, wie das
hoch über dem Steilufer des Pruth gelegene Czerno-
witz. Die Riedelflächen des Hügellandes zwischen den
Flußtälern sind meist flachgewelltes, fruchtbares Acker-
land, oft aber auch waldbedeckte, wenig gegliederte
Schotterflächen. In der Bukowina unterstützt die
Asymmetrie der Täler die ans Gebirge angelehnten
Verteidiger, da die steileren Hänge nun die südlichen
und südwestlichen sind.
Lemberg, Stryj und Przemysl sind die Eck-
punkte eines leider nicht ausgebauten Festungsdrei-
ecks. Stry; deckt die Wege von Osten und Südosten
und schützt im besonderen das wichtige Petroleum-
revier von Drohobycz und Borystaw. Lemberg, auf
der Wasserscheide zwischen Bug und Dnjestr gelegen,
hemmt ein Vordringen von Nordosten aus der Bug—
Styr-Niederung und lehnt sich an einen verteidi-
gungsfähigen Hügelzug, der sich südostwärts über die
podolische Platte weg bis zur Zlota Lipa erstreckt,
während sich im Nordwesten der Tomaszöwer Höhen-
rücken anreiht. Die Versumpfung und Versandun
der Niederungen lassen die Enistehung der Orte un
den Verlauf der Wege auf den Wasserscheiden begreif-
lich erscheinen. Auch der nach Westen führende Weg
benutzt die flache, nur 250 — 270 m hohe Wasser-
scheide zwischen der Sanniederung und den Dnjestr-
sümpfen. Auf ihr liegen die vielumstrittenen Schlacht-
felder von Medyka und Mosciska östlich von Przemyfl.
Dieses lehnt sich an einen Vorsprung der Karpathen
an, deren fast 400 m hohe Erhebungen einzelne Forts
der 45 km im Umfang messenden Lagerfestung tra-
gen. Sie hat die Sanlinie zu decken, die allerdings
auch weiter abwärts noch bei Jaroslau und Sieniawa
Überschritten werden kann, und die niedrigsten und
wichtigsten Karpathenpässe zu sperren.
Westlich von Przemysl ist der Karpathenrand viel
weniger scharf gezeichnet wie im Dujestr- und Pruth-
ebiet. Zwischen Gebirge und Ebene legt sich ein
flachwelliges, sehr fruchtbares und dicht besiedeltes
Gelände, das westgalizische Hügelland. Die zur
Weichsel strebenden Flüsse zerlegen es in eine Reihe
niedriger Platten, deren Ränder die Brückenorte Rze-
szöw. Debica, Tarnöw tragen. In diesem offenen
elände und auf den breiten Wellen der ersten, noch