Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

Dann  endlich  beantwortete  der  Reichskanzler  die  amerikanische  Note  mit
dem  Hinweis  auf  den  erlassenen  neuen  Befehl.  Wllson  antwortete  unfreundlich
  und  zurückhaltend.  Der  „Lusitanla-Fall“  war  damit  erledlgt  —  aber  auch
der  U-Boot-Krleg.  Er  schleppte  sich  nun  noch  ohne  Sinn  und  selbstverständlich
ohne  nennenswerte  Ergebnisse  welter.  Immerhlin  reichte  es  noch  zu  elnem  zweiten
Zwulschenfall:  am  19.  August  wurde  der  englische  Dampfer  „Arable“,  auf  dem
sich  wiederum  Amerikaoner  befanden,  von  U  24  in  Notwehr  torpedlert,  nachdem
er  sich  zu  einem  Angriff  auf  das  U-Boot  angeschlckt  hatte.  Ehe  eine  amerikanische
Kundgebung,  ja  nur  eine  amtliche  Meldung  vorlag,  erwirkte  daraufhin  der
Relchskanzler  beim  Kalser,  ohne  daß  weder  der  Chef  des  Admiralstabe,  Bachmann,
  noch  der  Staatesekretär  des  Reichemarineamte,  Tirpitz,  vorher  gehört
worden  wären,  einen  neuen  Befehl  an  die  Marine,  durch  welche  das  Verbot,
große  Passaglerdampfer  zu  torpedieren,  auf  alle  Passaglerdampfer  ausgedehnt
wurde.  Das  bedeutete  die  Unmöglichkeit,  größere  Dampfer  überhaupt  zu  fassen.

Daraufhin  baten  Bachmann,  Tirpi#tz  und  der  Flottenchef  Pohl  um  ihre
Entlassung.  Bachmann  wurde  durch  den  Admiral  v.  Holtzendorff  ersetzt.
Tirpitz'  Gesuch  wurde  zwar  abgelehnt,  aber  der  Kaiser  eröffnete  ihm,  „daß  ein
Zusammenarbeiten  des  Relchskanzlers  mit  ihm  in  den  Marinefragen,  welche
das  Gebiet  der  auswärtigen  Politik  berührten  —  und  das  selen  so  ziemlich  alle
Fragen  der  Seekriegführung  —  auogeschlossen  sei,  und  daß  deshalb  auf  selne
regelmäßige  beratende  Mitwirkung  auf  diesem  Geblete  verzichtet  werden  müsse“.
Auch  das  Gesuch  Pohls  wurde  nicht  bewilllgt,  seine  Vorstellungen  gegen  die
Einschränkung  des  U-Boot-Krieges  aber  wurden  mit  der  Er##rung  zurückgewiesen,
  daß  ihm  „die  volle  Kenntnis  der  politischen  Sachlage  fehle“.

Mit  einem  Worte:  unbedingter  Sieg  dee  Reichskanzlers,  Verzicht  auf  jede
wirksame  Führung  des  U-Boot-Krlegee,  krotzdem  aber  ulcht  der  Mut,  die  Folgerungen
  vor  Welt  und  Nation  zu  zichen  und  den  U-Boot-Handelskrleg  ganz  einzustellen!
  Ein  wahrhaft  klägliches  Bild  der  Zerfahrenheit  und  Entschlußlosigkeit.

Dabel  hatte  sich  die  Erkenntnie  von  der  Leistungefähigkeit  der  U-Boote
noch  lmmer  gesteigert.  Hersing  war  mit  U  21  schon  im  April  1915  ins  Mittelmeer
  gefahren!  Hort  war  eine  neue  U-Boot-Basis  elngerlchtet  und  den  U-Booten
ein  neues  Wirkungsgebiet  in  der  Betelligung  am  Dardanellenkrieg  und  später
am  Kampfe  gegen  IStalien  eröffnet  worden.

Der  U-Boot-Handelskrieg  aber  schleppte  sich  unter  den  denkbar  trostlosesten
Bedingungen  durch  das  Jahr  1915  welter  fort.  Und  dennoch  schlug  er  dem
britischen  Handeleperkehr  tiefe  Munden.  Im  Jahre  1915  wurden  im  ganzen
über  ein  und  eine  plertel  Million  Bruttoregistertonnen  feindlichen  Schifferaumes
  versenkt;  dle  englischen  Frachtsätze  erhöhten  sich  bis  zum  Jahresschluß
auf  das  Zehnfache,  und  schon  damale  trat  es  klar  in  dle  Erscheinung,  daß  die
Hauptbedeutung  des  U-Boot-Krleges  in  der  Herbeiführung  einer  immer  empfindlicheren
  Frachtraumnot  lag.

Es  ist  nur  zu  begreiflich,  daß  angesichts  solcher  Leistungen  bel  Flotte,  Dcer
und  Volk  elne  leldenschaftliche  Erörterung  der  Frage  einsetzte,  ob  der  Standpuntt
  der  Relchsregierung  berechtigt  sei,  deren  Bemühungen  sich  ale  vornehmstes
  Ziel  gesteckt  hatten,  den  Beitritt  Amerikas  zum  Feindbunde  mit  allen
Mitteln  und  um  den  Prels  jedes  Opfers  zu  verhindern  —  oder  ob  nicht  alles

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