Full text: Tagebuchblätter. Dritter Band. (3)

84 Achtundzwanzigstes Kapitel März—Juni 1882 
Papst Leo hat sich bei den Personalfragen ungemein entgegen- 
kommend verhalten. Unter anderm hat er ursprünglich in Osnabrück 
statt Drobes einen andern zum Bischof haben wollen, den Tarnassi 
ihm gelobt und empfohlen hatte, einen ehemaligen Jesuitenschüler 
aus dem Collegium Germanicum. Als man ihm aber von seiten 
unfrer Regierung mitgeteilt hatte, daß der Betreffende sich an ver- 
schiednen staatsfeindlichen Agitationen beteiligt habe, hat er ihn ohne 
Zögern fallen lassen. 
Am 30. März schickte mir Bucher zu eventueller Benutzung in 
den Grenzboten die Übersetzung des Auszugs aus einem Briefe 
des Fürsten P. A. Wjasemsky aus dem Herbste 1876, der im Euro- 
päischen Boten abgedruckt worden ist, und worin sich der Verfasser 
stark gegen das Treiben der Panflawisten ausspricht. Ich fügte ihn 
als Beispiel, daß es noch verständige Russen gebe, einem Ausfsatze 
mit dem Titel: „Die russischen Chauvinisten“ ein, worin auch andre 
Beiträge Buchers zur Kenntnis der Lage in Rußland verwertet 
waren, und der in Nr. 15 unsrer grünen Blätter erschien. 
Am 8. Juni sechs Uhr abends gab ich im Palais auf der 
Wilhelmstraße einen kurzen Brief an den drei Tage zuvor von 
Friedrichsruh nach Berlin zurückgekehrten Reichskanzler ab, der die 
Bitte enthielt, wenn er eine Aufgabe für mich habe, mir Tag und 
Stunde zu der erforderlichen Information angeben zu lassen. Um 
8½⅛ Uhr schon hatte ich durch Sachsse die schriftliche Antwort, der 
Fürst „wünsche mich auf einige Augenblicke zu sprechen“ und bitte 
um meinen Besuch für den nächsten Nachmittag 12½ Uhr. Ich 
ging zu dieser Zeit hin, kam nach etwa einer halben Stunde, während 
deren der Chef einem der Stenographie kundigen Chiffreur diktierte, 
vor, und „aus einigen Augenblicken“ wurde eine volle Stunde. Der 
Fürst war in Zivilrock und Militärhosen. Er war magerer ge- 
worden, sodaß der Rock ihm über dem Rücken Falten schlug; im 
übrigen sah er wohl aus und befand sich offenbar in guter Stim- 
mung. Er empfing mich mit Händedruck und „Guten Tag, Büsch- 
lein.“ Dann sagte er, indem er mich zum Niedersetzen einlud: „Sie 
wollen Futter, ich habe aber keins. Es giebt nichts, weder in 
innern noch in auswärtigen Fragen. Das bischen Herzegowina, 
Sie wissen, und jetzt das bischen Agypten. Das geht uns nicht viel 
an, desto mehr freilich die Engländer, auch die Franzosen. Die haben