Volltext : Central-Blatt für das Deutsche Reich. Vierter Jahrgang. 1876. (4)

—  465  —

6.  Eisenbahn-Wesen.

–.  —  —

Der  Ventilation  der  Personenwagen  ist,  wie  das  Reichs-Eisenbahn-Amt  aus  den  angestellten  Erhebungen
ersieht,  seitens  der  Eisenbahnverwaltungen  im  allgemeinen  bisher  nicht  die  Wichtigkeit  beigelegt  worden,  die
ihr  im  Interesse  des  reisenden  Publikums  gebührt.

Ist  auch  die  Mehrzahl  der  Personenwagen  mit  Ventilationsvorrichtungen  versehen,  so  scheint  doch  die
Anbringung  derselben  mehr  eine  Konzession  an  die  öffentliche  Meinung  als  durch  das  Bestreben  hervorgerufen
zu  sein,  einem  für  das  reisende  Publikum  wichtigen  Bedürfniß  gerecht  zu  werden.  Bei  der  Wahl  zwischen
den  verschiedenen,  bisher  gebräuchlichen  Konstruktionen,  scheint  selbst  für  die  in  jüngster  Zeit  bewirkten  Neu—
beschaffungen  häufiger  die  Rücksicht  auf  Billigkeit,  als  auf  wirksame  und  zweckmäßige  Vorrichtungen  maßgebend
gewesen  zu  sein.

Von  fast  sämmtlichen  Verwaltungen  wird  im  allgemeinen  zugestanden,  daß  eine  nur  durch  das
Oeffnen  der  Fenster  herbeizuführende  Ventilation  wegen  des  Eindringens  von  Staub,  Kohlentheilen,  Regen
u.  s.  w.  sowie  wegen  der  entstehenden  Zugluft  als  nicht  angängig  zu  erachten  sei.  Nur  vier  Verwaltungen
vertreten  die  Ansicht,  daß  bei  dem  Vorhandensein  erhöhter,  in  jeder  Lage  feststellbarer  Fenster  alle  besonderen
Ventilationsvorrichtungen  zu  entbehren  seien,  während  eine  fünfte  sich  dieser  Ansicht  mit  Rücksicht  auf  die
klimatischen  Verhältnisse  und  die  günstige  staubfreie  Bodenbeschaffenheit  ihrer  Bahn  anschließt.

Von  den  zur  Anwendung  gekommenen  beziehungsweise  noch  im  Stadium  des  Versuchs  sich  befindenden
Ventilationsvorrichtungen  sind  zu  erwähnen:

1.  Die  gewöhnlich  als  „Jalousie“  bezeichnete  Vorrichtung,  welche  aus  einer  horizontalen  Reihe  von

Löchern  oder  vertikalen  Schlitzen  verschiedener  Förm  in  den  Seiten=  oder  Stirnwänden  der  Wagen,
meistens  über  den  Fenstern  beziehungsweise  Thüren  besteht  und  im  Innern  des  Wagens  durch
eine  Klappe  oder  durch  einen  stellbaren  Schieber  mit  korrespondirenden  Oeffnungen  geschlossen
resp.  ganz  oder  theilweise  geöffnet  werden  können.  An  der  Außenseite  sind  gewöhnlich  als  Schutz
gegen  das  Eindringen  des  Regens  ein  oder  mehrere  schräg  gestellte  Brettchen  vor  den  Oeffnungen
angebracht.  Zum  Theil  bestehen  dieselben  auch  aus  horizontal  liegenden  stellbaren  Jalousien.

Bei  einer  Bahn  ist  zur  Verhütung  des  Eindringens  des  Regens  ein  geschweiftes  Schutzblech
  angebracht,  das  gleichzeitig  dazu  dienen  soll,  bei  der  Bewegung  des  Wagens  die  Luft  aufzufangen
  und  durch  die  Oeffnungen  in  den  Wagen  zu  pressen.  "

Die  Ventilation  mittelst  sogenannter  Jalousien,  mit  welcher  bei  26  Bahnen  sämmtliche,
bei  29  weiteren  Bahnen  ein  Theil  der  Personenwagen  versehen  sind,  trifft  nach  dem  Urtheile  der
Mehrzahl  der  Verwaltungen  der  Vorwurf  geringer  Wirksamkeit  und  des  Einlassens  von  Staub,
Kohlentheilen,  Regen  u.  s.  w.  Nur  bei  wenigen  Bahnen  sind  gegen  diesen  Uebelstand  die  Oeffnungen
  mit  feiner  Drahtgaze  verschlossen.

Elf  Verwaltungen  glauben  diese  Art  der  Ventilation  als  ausreichend  erachten  zu  dürfen,
weil  Klagen  über  die  Mangelhaftigkeit  derselben  nicht  zu  ihrer  Kenntniß  gelangt  sind,  während
sechs  weitere  Verwaltungen  dieselbe  für  die  besonderen  Verhältnisse  ihrer  Bahnen,  besonders  in  Rücksicht
  die  Kürze  der  jedesmal  von  den  Reisenden  zu  durchfahrenden  Bahnstrecke,  als  genügend
ansehen.  

2.  Eine  weitere  Vorrichtung  besteht  in  größeren  runden  Oeffnungen  in  den  Seitenwänden,  welche

in  den  Wagen  beziehungsweise  Kupees  nahe  der  Decke  diagonal  einander  gegenüberstehen  und  im
Innern  durch  drehbare  Regulirscheiben  geschlossen  oder  geöffnet  werden.  Zuweilen  sind  auch  vier
derartige  Oeffnungen  in  einem  Kupee.  An  der  Außenseite  des  Wagens  münden  die  Oeffnungen
in  knieförmig  gebogene  Röhren,  deren  Ausmündung  entweder  nach  unten  oder  zweckmäßiger  nach
den  Stirnwänden  der  Wagen  zu  gerichtet  ist,  so  daß  bei  der  Bewegung  des  Zuges  die  eine  der
korrespondirenden  Röhren  die  Luft  auffängt  und  in  den  Wagen  hineinführt,  während  aus  der
anderen  die  verbrauchte  Luft  aussirömt.  Diese  Ventilationsvorrichtung  wird  bei  neun  Bahnen  angewandt.


3.  Auf  zwei  Bahnen  sind  versuchsweise  die  Knieröhren  durch  Saug=  und  Druckröhren  nach  dem

System  Viebahn  u.  Voß  ersetzt,  deren  Wirkung  als  eine  kräftige  bezeichnet  wird.