konnte er nicht glauben.“ Rouvier werde die französische Politik in
besonnenere Bahnen leiten. Sein Programm werde sein : Aufrechterhaltung
der russischen Allianz und der erworbenen Freundschaften unter Vermeidung
von Bindungen, die anderen Mächten gegenüber einen feindlichen
Charakter haben könnten.
Trotzdem sieht der Gesandte für die Zukunft Schwierigkeiten voraus.
Insbesondere, meint er, müsse man der Eröffnung der Marokko-Konferenz
im Januar 1906 mit Sorgen entgegensehen. Die gegenwärtigen Beziehungen
der Mächte seien nicht geeignet, das wechselseitige Verständnis auf
einem so schwierigen Gelände zu erleichtern. Die Belgier glaubten übrigens
nicht daran, daß England sich Frankreich gegenüber zu einer Waffenhilfe
verpflichtet habe; es sei aber für Deutschland und für die Ruhe der Welt
die höchste Zeit gewesen, den zwischen London und Paris angesponnenen
Plänen entgegenzuwirken. Zu derartigen Betrachtungen fühlten sich
die belgischen Gesandten zu London und Berlin veranlaßt, als einige
Artikel von Lauzanne im ‚Matin‘‘ davon gesprochen hatten, man sei
in London bereit gewesen, die Flotte zu mobilisieren, den Kieler Kanal
zu besetzen und 100000 Mann in Schleswig-Holstein zu landen, falls
Frankreich durch Deutschland angegriffen würde; Anschauungen, die
mit Recht belgischerseits als absurd bezeichnet wurden!).
Im Oktober des Jahres hielt Sir Edward Grey bei einer Versammlung
seiner Partei eine Wahlrede, über die der belgische Gesandte zu London
am 23. Oktober ausführlich berichtete?). Als die drei Leitsätze der britischen
gegenwärtigen Politik bezeichnete Grey die Freundschaft mit den
Vereinigten Staaten, das Bündnis mit Japan und die Entente mit Frankreich.
Bessere Beziehungen mit Rußland erklärte er als wünschenswert
und auch befriedigendere mit Deutschland, unter der Bedingung, daß
sie der französisch-englischen Freundschaft keinen Abbruch tun dürften.
Bei dieser Gelegenheit erwähnt der belgische Gesandte, die Verstimmung
gegen Rußland habe in England erheblich nachgelassen, seitdem man
ein russisches Vorgehen gegen Indien nicht mehr zu befürchten brauche.
„Alle Abneigungen des englischen Volkes vereinen sich gegenwärtig auf
Deutschland. Die amtlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern
sind zufriedenstellend, aber die Londoner und Berliner Presse nähren eine
dauernde Gereiztheit, und es gibt nichts Unangenehmes, was die englischen
Zeitungen nicht dem Kaiser und seinem Kanzler nachsagen. —
Dieser Seelenzustand ist bedauerlich, denn der geringste an sich unwichtige
Zwischenfall, der in normalen Zeiten leicht von Behörde zu Behörde
zu regeln ist, könnte sogleich beim Entstehen einen gewaltigen
Umfang annehmen.“
Mit dem Spätherbste des Jahres 1905 münden wir, dem Gedankengange
der belgischen Berichterstattung folgend, in die Strömung ein,
die uns neun Jahre später in den Strudel des Weltkrieges hineingerissen
!) London, 12. Oktober; Berlin, 13. Oktober 1905; Bd. II, S. 76 ff.
2) Bd. Il, S. 79 ft.
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