Full text : Hand- und Lehrbuch der Staatswissenschaften. Erste Abteilung VIII. Band. Geld und Banken. I. Teil Das Geld. (1_8)

9.  Kapitel.  Die  internationale  Geldverfassung.  85.  461

Schwankungsursachen,  die  bei  den  gebundenen  Valuten  keine  nennenswerte
  Rolle  spielen  können,  nämlich  die  Handhabung  der  Ausgabe  von
Geld  und  die  den  Staatskredit  betreffenden  Verhältnisse.

Bei  der  gebundenen  Valuta  ist  infolge  der  freien  Prägung  des
Währungsmetalls  die  Schaffung  neuen  Geldes  gewissermaßen  automatischı
reguliert;  die  Politik  der  Geldemission  scheidet  deshalb  aus.  Bei
metallischen  Währungen  mit  gesperrter  Prägung  und  bei  Papierwährungen
  dagegen  hat  der  Staat  die  Regulierung  des  Angebots  von
neuem  Gelde  in  der  Hand;  davon,  wie  er  sich  in  diesem  Punkte  verhält,
  ob  er  seine  Prägungen  oder  die  Ausgabe  von  Papiergeld  vorsichtig
beschränkt,  oder  ob  er  große  Massen  neuen  Geldes  in  den  Verkehr
wirft,  muß  natürlich  auch  zu  einem  großen  Teil  die  Bewertung  seines
Geldes  auf  dem  Weltmarkte  abhängen.  Vor  allem  sind  die  meisten
starken  Entwertungen  von.  Papiervaluten  durch  das  Übermaß  der
Ausgabe  von  Papiergeld  bewirkt  worden.

Auch  die  den  Staatskredit  berührenden  Faktoren  sind  gegenüber
einer  gebundenen  Währung,  soweit  sie  durch  die  ausschließliche  Zulassung
  vollwertigen  Geldes  als  unbedingtes  gesetzliches  Zahlungsmittel,
oder  wenigstens  durch  das  beträchtliche  Überwiegen  des  vollwertigen
Kurantgeldes  eine  Garantie  für  ihren  Bestand  in  sich  trägt,  deshalb
ohne  merkbaren  Einfluß,  weil  der  Wert  des  vollwertigen  Geldes  durch
seinen  eigenen  Stoff  in  einer  von  allen  anderen  Verhältnissen  durchaus
unabhängigen  Weise  gedeckt  ist.  Bei  einem  Geldsysteme  dagegen,  das
ausschließlich  oder  überwiegend  unterwertiges  Geld  umfaßt,  hängt
die  Bewertung  der  Valuta  auf  dem  Weltmarkte  auch  von  den  Erwägungen
  ab,  die  sich  auf  die  wirtschaftlichen,  finanziellen  und  politischen
  Aussichten  des  betreffenden  Staatswesens  beziehen.  "Insbesondere
bei  einem  Papiergelde  wird  stets  die  Frage  mitspielen,  ob  und  wann
und  zu  welchem  Kurse  eine  Wiederaufnahme  der  Barzahlungen  zu  erwarten
  ist.  Wirtschaftliche  und  politische  Krisen  und  eine  schlechte
Finanzwirtschaft  verschlechtern  diese  Aussichten  und  haben  somit  die
Tendenz,  die  Valuta  herabzudrücken;  eine  günstige  wirtschaftliche,
finanzielle  und  politische  Entwicklung  ist  geeignet,  die  Valuta  zu  heben.

Die  einschneidende  Wirkung  aller  dieser  Faktoren  ließe  sich  an
der  Geschichte  der  Valuta  eines  jeden  Landes  mit  freier  Währung
nachweisen.  Es  sei  mir  gestattet,  in  dieser  Beziehung  insbesondere
auf  meine  Untersuchung  über  das  Verhalten  der  russischen  Papiervaluta
  während  der  80er  Jahre  des  19.  Jahrhunderts!)  hinzuweisen.
Es  ist  dort  vor  allem  die  weitgehende  Abhängigkeit  des  Berliner  Rubelkurses
  von  den  Schwankungen  des  russischen  Getreideexports,  des
wichtigsten  und  beweglichsten  Faktors  in  der  russischen  Zahlungst)

  „Außenhandel  und  Valutaschwankungen“,  zuerst  in  SCHMOLLERS  Jahrbuch.
Bd.  XXI,  2,  dann  in  meinen  „Studien  über  Geld-  und  Bankwesen“  veröffentlicht.