II. Diskussion. 165
Familie dann antworten kann: für die verlorenen 10 Pf. werdet Ihr
durch die Schulspeisung entschädigt, so habe ich mit der Schulspeisung
ein Mittel zur Hand, die Härten des Arbeitsverbots zu mildern, die
Durchführung des im Schulinteresse und in jedem anderen Sinne so überaus
wichtigen gewerblichen Kinderschutzes zu erleichtern und gleichzeitig das
Existenzminimum an einem Punkte zu erhöhen, wo wirklicher und greifbarer
Nutzen gestiftet wird. Gewiß, es gibt andere wichtige Fragen zur Hebung
des Volkswohls, aber es gibt keine, die näher liegt, keine, die dringlicher
ist, und namentlich keine, die ebenso leicht zu lösen ist, weil die Schüler
in der Schule der öffentlichen Aufsicht bereits unterstehen und dadurch
die oberste Vorbedingung der Abhilfe, die leichte Feststellbarkeit der Bedürftigkeit,
bereits gegeben ist. Auch liegt ein unerträglicher Widerspruch
darin, einem Kinde geistige Kost zu gewähren, ehe dem Körper sein
Recht wird, es turnen zu lassen, ohne daß ihm eine warme Mahlzeit
die Kraft dazu gibt. Wie viel es ausmacht, wenn es erst in das Bewußtsein
der Offentlichkeit dringt, um was es sich hier handelt, hat sich
in jüngster Zeit in Berlin erwiesen. Berlin hat sich lange Jahre damit
begnügt, den Verein für Kindervolksküchen mit 3000 K zu unterstützen.
Vor zwei Jahren gelang es, das allgemeine Interesse der
Angelegenheit zuzuwenden. Da hieß es zuerst in der Abwehr:
ach Gott, man wird das Verantwortlichkeitsgefühl der Familien
schädigen, es darf nicht mehr geschehen wie bisher, die Begehrlichkeit
der Masse wird gereizt werden, bis die Schuldeputation durch
eigene Erhebungen feststellte, daß die Dinge so nicht weiter gehen
könnten, daß hier umfassende Maßnahmen unerläßlich seien. Im Anschlusse
hieran bewiliigee die Stadt zunächst 25.000 .X, dann im März 1909
100 000 .K für Schulspeisung. Ahnliche Schritte, entsprechend dem Bedürfnis,
entsprechend dem Notstand in anderen deutschen Städten, auch
in kleinen Städten und auf dem flachen Lande zu erzielen, wird nur
möglich sein, wenn sich das Reich der Frage annimmt und in großen
Zügen vorschreibt, dies und jenes muß geschehen. Die Schule muß
ihr Augenmerk auf die Sache richten. Dann werden sich auch die Mittel
und Wege der Abhilfe finden, und man wird innerhalb der einzelnen
Gemeinden entscheiden können, ob Frühstück, ob Mittagbrot, ob beides
not tut und ob die Fürsorge durch Vereine unter öffentlicher Unterstützung
und Überwachung erfolgen soll, ob sich Kinderhorte zur Speisung
bereit finden oder errichten lassen, oder ob die Schulbehörde die Speisung
in eigene Verwaltung übernimmt.
Bürgermeister v. Hollander-Mannheim:
Hochverehrte Damen und Herren, wir haben in den letzten drei
Tagen durch die vortrefflichen Referate und durch die sich daran anknüpfenden
Diskussionen mancherlei Anregungen empfangen, Anregungen,
die hoffentlich in unseren einzelnen. Feimatgemeinden reiche Früchte tragen
werden. Es hat sich ja auch in erfreulicher Weise gezeigt, daß im großen und
ganzen in den Fragen, auf die es ankommt, eine Ubereinstimmung
zwischen uns besteht, die, wenn wir von einzelnen geringen Abweichungen
absehen, doch den Eindruck gewinnen läßt, daß wir alle, die hier
versammelt sind, einträchtig dahin zusammen arbeiten werden, daß den
Schriften d. Zentralstelle f. Bolkswohlfahrt. N. F. Nr. 4. 12