Full text : Die Ernährungsverhältnisse der Volksschulkinder.

Einleitung.  5

Im  Jahre  1903  setzte  die  englische  Regierung,  beunruhigt  durch  ungünstige
  Rekrutierungsergebnisse  namentlich  zur  Zeit  des  stärkeren  Bedarfs
infolge  des  Burenkrieges,  eine  besondere  Kommission  zum  Studium
der  Entartungsfrage  ein.  Für  die  schulpflichtige  Jugend  ergaben  Erhebungen
  und  Nachfragen,  namentlich  in  einer  Reihe  von  Großstädten,
daß  viele  Kinder  unter  den  Folgen  chronischer  Unterernährung  zu  leiden
hätten.  Der  Londoner  Schulinspektor  Dr.  Eichholz  bezeichnete  122000,
das  sind  16%  ,  der  Schulkinder  dieser  Riesenstadt  als  unterernährt,  und
in  ärmeren  Bezirken  Londons  sollen  bis  zu  90%  der  Kinder  infolge
physischer  Schwäche  unfähig  sein,  das  Schulpensum  zu  absolvieren.
Für  einzelne  Bezirke  von  Manchester  und  Edinburgh  wurde  die  Zahl
der  hungernden  Kinder  mit  15  bis  30%  angegeben.  In  einigen  Arbeitervierteln
  Edinburghs  soll,  wie  ein  ärztlicher  Beamter  der  schottischen
Regierung  angibt,  eine  große  Anzahl  Kinder  halbverhungert  sein.  Ein
irischer  Bischof  bezeichnet  ganz  allgemein  die  Elementarschüler  im  Süden
Irlands  als  unterernährt.  Auch  diese  Ergebnisse  wurden  im  Zusammenhange
  mit  anderen  Vorschlägen  des  Physical  Deterioration  Committees
im  Parlamente  besprochen  und  das  Unterrichtsamt  wie  das  Local
Government  Board  aufgefordert,  der  Speisungsfrage  für  notleidende
Kinder  besondere  Aufmerksamkeit  zuzuwenden.

Im  März  1905  ernannte  der  Unterrichtsminister  ein  besonderes
Komitee  zur  Prüfung  der  bereits  bestehenden  Schülerspeisungsvereine,
ihrer  Leistungen,  Auslagen  und  zur  Feststellung,  ob  die  vorhandenen  Einrichtungen
  für  das  Bedürfnis  ausreichen.  Von  einer  Erhebung  über
den  Ernährungszustand  und  die  Ernährungsverhältnisse  der  Schulkinder
im  allgemeinen  wurde  hierbei  Abstand  genommen.  Auf  das  Arbeitsergebnis
  dieser  Kommission  werden  wir  später  im  Zusammenhange
zurückkommen.  Auch  für  England  und  Schottland  wurde  eine  großs
Mannigfaltigkeit  von  Speisungseinrichtungen  gefunden,  die  sich  aber
von  den  deutschen  durchweg  dadurch  unterscheiden,  daß  sie  lediglich  von
wohltätigen  Vereinen  ausgehen  und  von  den  Schulbehörden,  bezw.  den
Gemeinden  bis  dahin  keine  Unterstützung  erhielten.  Zumeist  erfolgte
eine  Speisung  über  den  Winter,  oft  nur  an  einigen  Tagen  in  der
Woche,  in  einem  Falle  wird  nur  ein  Frühstück,  bei  anderen  Vereinen
nur  ein  Mittagessen  verabfolgt.  Im  Februar  1906  brachten  die  Vertreter
  der  Labour  Party  zur  Ergänzung  der  Schulgesetze  im  Parlament
einen  Gesetzentwurf  für  Schulspeisungen  ein.  Ohne  auf  den  lebhaften
Kampf,  der  nun  entbrannte,  einzugehen,  sei  als  dessen  Resultat  mitgeteilt,
  daß  im  Dezember  1906  ein  Gesetz  betreffend  die  Verabreichung
  von  Speisen  an  Schulkinder  in  den  öffentlichen
Volksschulen  in  England  und  Wales  angenommen  wurde.
Es  war  jedoch  nicht  gelungen,  die  schottischen  Vertreter  und  Behörden
für  die  Anwendung  dieses  Gesetzes  auf  ihr  Land  zu  gewinnen.  Nach
diesem  Gesetze  sind  die  örtlichen  Unterrichtsbehörden  berechtigt,  geeignete
  Maßnahmen  zur  Verabreichung  von  Speisen  an  Schulkinder
durch  besondere  Schülerspeisungsausschüsse  zu  treffen.  Wenn  auch  die
Eltern  zu  einer  Beitragsleistung,  wo  nur  irgend  möglich,  herangezogen
werden  sollen,  nötigenfalls  sogar  auf  dem  Rechtswege  die  Schuld  eingetrieben
  werden  kann,  so  hat  man  sich  doch  sehr  dem  Standpunkte