Full text : Erinnerungen an die Kriegsjahre im Königlich Preußischen Kriegsministerium. Erster Band. Der Weg zur Revolution 1914-1918. (1)

Salonbolschewisten  105

Kampfe  aufriefen,  da  geschah  es  nicht  gegen  den  Feindbund,  sondern
gegen  die  eigenen  Volksgenossen,  sie  schlugen  Schlachten  nicht  gegen
Engländer  und  Franzosen,  sondern  gegen  gefüllte  Magazine  und  Eisenbahnwagen,
  während  sie  selbst  sich  fette  Amter  sicherten.  Und  wer
waren  diese  Führer  in  der  Mehrzahl?  Etwa  Arbeiter  wie  seinerzeit
Bebel?  Nein,  es  waren  Leute,  die,  wie  später  der  bekannte  Bauernführer
Dr.  Heim  äußerte,  die  Handarbeit  fürchteten,  wie  die  Wanzen  das
Jacherlin,  sogenannte  „Intellektuelle“,  die  sich  größtenteils  die  schwarzen
und  roten  Locken  hatten  wegschneiden  lassen,  damit  ihre  fremde  Rasse
nicht  allzu  deutlich  hervortrete.

Herr  Scheidemann,  der  gewandte  Demagoge,  aber  rief  am  9.  November
  1918  von  der  Freitreppe  des  Reichstages  den  besinnungslosen
Massen  zu:  „Das  deutsche  Volk  hat  auf  der  ganzen  Linie  gesiegt.“
  Hat  das  deutsche  Volk  die  verbrecherische  Lüge  dieses  Worteo
jetzt  erkannt?  —

Die  Niederwerfung  des  Januarstreiks  hatte  auf  die  Massen  großen
Eindruck  gemacht.  Natürlich  forderten  Parteiführer,  Presse  und  Gewerkschaften
  nunmehr  zur  dauernden  Beruhigung  eine  konsequent  „volkstümliche“
  Politik,  als  ob  eine  solche,  besondero  in  den  innerpolitischen
und  sozialen  Fragen  bisher  nicht  bestanden  hätte.  Und  dabei  war  gerade
die  soziale  Politik  in  den  Kriegsjahren  über  ihre  schon  vorhandene,
bisher  von  keiner  Kulturnation  erreichte  Höhe  hinaus  pflegsam  weiter
entwickelt  worden.  Freilich  fragte  sich,  wo  man  erst  die  Grenze  für
„Volkstümlichkeit“  sah.

Auf  eine  großzügige  Wiederholung  der  Streiks  brauchte  vorerst
nicht  gerechnet  zu  werden.  Die  Niederwerfung  mit  Gewalt  war  nicht
nur  militärisch  notwendig,  sondern  auch  politisch  richtig  gewesen.

Die  Vorgänge  im  Osten  traten  wieder  in  den  Vordergrund  des
Interesses.  Der  Friedenoschluß  mit  der  Ukraine  (9.  Februar  1918)  wurde
von  der  sozialdemobratischen  Presse  mit  grämlicher  Miene,  die  am
nächsten  Tage  erfolgende  Erklärung  Trotzkis  über  die  einseitige  Beendigung
  des  Kriegszustandes  zwischen  Rußland  und  Deutschland  mit
naiver  Freude  aufgenommen.  Die  „J.  K.“  meinte  (11.  Februar):  „Wenn
Deutschland  will,  gibt  es  von  heute  an  keine  Ostfront  mehr.  Der  Zweifrontenkrieg
  ist  erledigt.“  Der  „Vorwärts“  (12.  Februar)  gelobte,  alles
zu  tun,  damit  mit  ganz  Rußland  wie  mit  der  Ukraine  ein  Frieden  ohne
Annexionen  und  ohne  Entschädigungen  geschlossen  werde.  Nach  wie  vor