Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 1.

Beitritt  Oldenburgs  zum  Vertrag  vom  7.  September.  Unterredung  mit  Graf  Platen.  187

kommens  von  seiten  Österreichs  aber  daräuf  verzichten  müßten,  ihn  zu  wiederholen.  Abzuwarten
  möchte  dann  sein,  ob  die  Rückwirkung,  welche  das  dringende  Verlangen  der  Mittelstaaten
  nach  einer  Verständigung  auf  das  hiesige  Kabinett  üben  würde,  stark  genug  ist,  um
die  Haltung  des  letzteren  zu  modifizieren.

Noch  bemerke  ich  g.,  daß  in  den  hiesigen  Akten  kein  Konzept  dieses  Berichts  bleibt,  da
die  Kürze  der  Zeit  bis  zum  Abgang  des  englischen  Kuriers  keine  Abschrift  zu  nehmen  gestattet.


173.  Privatschreiben  an  Minister  v.  Manteuffel.
(Elgenhãndig.)  Wien,  18.  und  19.  Juni  1852.

E.  E.  geehrtes  Schreiben  vom  14.¹)  habe  ich  vorgestern  durch  den  Überbringer  dieses
richtig  erhalten.  Ich  würde  von  Hause  aus  kein  Bedenken  getragen  haben,  den  diesseitigen
Wünschen  in  Bezug  auf  die  Aushändigung  des  Schreibens  Sr.  M.  des  Königs  zu  genügen,
wenn  nicht  ein  gewisser  Mangel  an  Entgegenkommen  mich  genöthigt  hätte,  auch  meinerseits
jeden  Anschein  von  Empressement  zu  vermeiden,  und  ich  zweifle  nicht,  daß  ich  in  E.  E.  Sinne
gehandelt  habe,  wenn  ich,  auch  ohne  Eingang  fernerer  Weisungen  abzuwarten,  das  ah.
Schreiben  nach  Verlauf  einiger  Tage  ausgeliefert  habe.

«  Die Nachricht von dem unbedingten Aschusse Oldenburgs ist natürlich im Lager
unsere Gegner mit großem Mißbehagen aufgenommen worden. Graf Platen versicherte
mit  großer  Aufrichtigkeit,  daß  ich  ihm  durch  diese  Mittheilung  sein  Diner  verdorben  hätte,
setzte  aber  hinzu,  daß  auch  ohnedies  ein  Rücktritt  Hanovers  unwahrscheinlich,  wenn  nicht
unmöglich  gewesen  sei;  jetzt  fehle  jeder  Vorwand,  die  Möglichkeit  desselben  auch  nur  zu
behaupten;  um  so  eifriger  müsse  Hanover  daran  arbeiten,  die  übrigen  deutschen  Staaten  bei
dem  Zollverein  zu  erhalten.  Er  glaubt,  daß  letztres,  als  dem  Interesse  Preußens  doch
auch  entsprechend,  unter  folgenden  Bedingungen  leicht  zu  erreichen  sei:  Sobald  ich  die  vertrauliche
  Versicherung  gäbe,  daß  Preußen  ein  solches  Anerbieten  nicht  ablehnen  werde,
würden  die  süddeutschen  Staaten  Östreich  zu  dem  Vorschlage  bewegen,  daß  der  ganze
Zollverein  auf  Grund  des  September-Vertrages  sofort  en  bloc  und  vorbehaltlich  der  Revision
  reconstruirt  werden  solle,  wenn  Preußen  verspreche,  den  Handelsvertrag  lit.  A²),  mit
Ausnahme  von  Artikel  4,  unmittelbar  nachher  abzuschließen,  und  zur  Verhandlung  darüber
Zollconferenzen  mit  Zuziehung  eines  östreichischen  Vertreters  zu  berufen.  Dabei  würde
man  bereit  sein,  außer  Artikel  4,  der  pure  zu  streichen,  auch  diejenigen  Artikel  (1,  23  2c.),
welche  der  Zollunion  gedenken,  dahin  zu  modifiziren,  daß  die  Zollunion  nicht  als  etwas
Abgemachtes,  mit  einem  benannten  Zeitpunkt  gewiß  Eintretendes,  sondern  nur  im  Allgemeinen
  als  das  Ziel  bezeichnet  werde,  m  dessen  Erstrebung  man  den  Handelsvertrag
schließe.  Auch  werde  es  dabei  thunlich  sein,  den  Eintritt  der  lediglich  principiell  als  „vorschwebendes“
  Ziel  anzuerkennenden  Zollunion  von  Bedingungen  in  Betreff  der  östreichischen
  Baluta-  und  Douane-Verhältnisse  abhängig  zu  machen,  vermöge  deren  Preußen  die
Freiheit  bleibe,  zu  bestreiten  oder  einzuräumen,  daß  diese  Bedingungen  erfüllt  und  demgemäß
  der  Zeitpunkt,  wo  man  der  Zollunion  näher  zu  treten  habe,  gekommen  sei.  Es
komme  nur  darauf  an,  daß  Preußen  das  in  seinen  frühern  Zollverträgen  aufgestellte  Prinzip
einer  allgemeinen  Deutschen  Zoll-  und  Handelseinigung  auch  ferner  aufrecht  erhalte.  nicht

¹)  Abgedruckt  in  Anh.  zu. B.  u  E.  II 64 ff.
²)  Vgl. oben  S.  148  Anm.  4  .