238
Das deutsche Reich und seine einzelnen Slieder.
verschiedene Vota abgegeben sind, die alle mehr oder weniger erheblich von
den Regierungsvorschlägen abweichen, sind sämmtliche landschaftliche Mitglieder
der Committe darin einverstanden, daß auf die proponirte Aussonderung eines
fürstlichen Haushaltsgutes aus dem Domanium nur dann einzugehen sei,
wenn die entsprechende Veränderung der Landesvertretung zu Stande komme
und letzterer eine vollständige Controle rücksichtlich des nicht ausgeschiedenen
Theils des Domaniums zugestanden werde.
9.—11. Dec. (Sachsen.) II. Kammer: lehnt bei der zweiten Berathung
11.
12.
des Volksschulgesetzes die von der I. Kammer gefaßten Beschlüsse über
die confessionelle Stellung der Volksschule mit 41 gegen 26, über das
obligatorische Schulgeld mit 49 gegen 18, über die Zulassung kirchl.
Stiftungen zur Errichtung von Schulen mit 61 gegen 6 Stimmen ab und
hält auch bezüglich der Wahl der Lehrer durch die Gemeinden und
bezüglich der Ortsschulaufsicht durch einen von der Regierung ernann-
ten Inspektor ihre früheren Beschlüsse gegen die I. Kammer aufrecht.
„ (Mecklenburg.) Landtag: beschließt mit 117 gegen 73 Stim-
men, den Committebericht über die Grundzüge einer Modification der
Landesverfassung vorerst dem Drucke zu übergeben. Die überstimm-
ten Liberalen nehmen bei der ungewöhnlichen Entschließung, eine Vor-
lage vor ihrer definitiven Genehmigung dem Druck zu übergeben, eine
ihnen verfassungsmäßig zustehende Separatabstimmung vor, deren Re-
sultat die pure Ablehnung der Negierungsvorlage ist.
„ (Oldenburg.) Landtag: spricht sich einstimmig zu Gunsten von
Diäten für die Mitglieder des deutschen Reichstags aus.
„ (Deutsches Reich.) Die dritte Milliarde der französischen Kriegs-
entschädigung ist nunmehr vollständig bezahlt.
„ (Württemberg.) II. Kammer: nimmt die Steuerreform in de-
finitiver Abstimmung mit 64 gegen 17 Stimmen an, bewilligt da-
gegen für Eisenbahnbau nur 11,8 statt der von der Regierung ur-
sprünglich geforderten 20 Millionen Gulden.
„ Siebzig Delegirte deutscher Comité's der „Alliance israélite uni-
verselle“, die auf Einladung des Berliner Comité in Berlin zusammen
getreten sind, beschließen fast einstimmig: das bisherige Verhältniß
vollständiger Abhängigkeit von Paris zu lösen und eine selbständige
Allianz für Deutschland mit dem Hauptsitz in Berlin zu gründen.
Auch diese soll den moralischen und intellektuellen Fortschritt der Juden
fördern und allen bedrängten Glaubensgenossen wirksame Hilfe angedeihen
lassen. Nur die in schwacher Minderheit vertretene extrem orthodoxe Partei
spricht und stimmt gegen den Beschluß und für die absolute Beibehaltung des
Pariser Abhängigkeitsverhältnisses. Eine Commission wird mit der Ausar-
beitung von Statuten und der Anbahnung von Zweigvereinen in allen Orten
Deutschlands beauftragt. Geschlossen wird die Versammlung vom Vorsitzen-
den, Dr. Lazarus, mit folgenden Worten: „Die Juden sind durch ihr Schick-
sal berufen, das Princip einer über alle Glaubensunterschiede hinausgehenden,
reinen, freien und opferbereiten Humanität zu verbreiten, da sie mit dem Geist
und den Ideen fast aller Völker der Erde in Berührung kommen.“