Full text : Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

—13

Innwvischen  wurde  über  die  Ansführung  des  Friedensverlrages  in  Brülssel  verhandelt.  Als  die  frangbsischen
Diplomaten  Abschwächungen  versuchten,  schreckte  sie  endlich  Bismarcks  drohendes  Machtwort  gurück.  Um  eine
schnellere  Einigung  zu  erzielen,  trasen  der  Reichskangier  und  Faure  wieder  persönlich  in  Frankfurt  im  Gasthofe
zum  Schwan  zusammen.  Schwierige  Fragen  über  Zölle  und  Finangen,  dann  über  die  Vorschiebung  der  frauzösischen
  Grenze  bei  Belfort  gegen  einen  Gevielsanstausch  bei  Diedenhofen  fanden  durch  das  Entgegenkommen
Bismarcks  Erledigung,  und  so  konnte  am  10.  Mai  der  Hauptfriede  geschlossen  werden.  Am  20.  Mai  wechselten
die  beiden  Mächte  die  Genehmigungsurkunden.  Um  die  Zahlung  der  5  Milliarden  Francs  (ebva  3900  Millionen
Mark)  sicher  zu  stellen,  blieb  ein  Sechstel  von  Frankreich  zwischen  der  Seine  und  der  Grenze  besetzt  und  wurdo  erst
allmählich  verlassen,  entsprechend  den  eingehenden  Summen.“  Frankreich  beeilte  sich,  seine  Verpflichtungen  zu  lösen,
so  daß  am  13.  September  1873  die  Besetzung  mit  der  Ränmung  Verduns  ein  Ende  nahm.  Am  16.  September
verließ  Manteuffel,  der  Befehlshaber  der  Okkupationsarmee,  mit  den  leuten  deutschen  Truppen  den  Boden  Frankreichs.

Die  deutsche  Grenze,  die  sie  überschritten,  war  eine  andere  als  die,  über  welche  sie  drei  Jahre  vorher  gegen
Frankrcich  hinauszogen.  Das  Elsaß  und  derjenige  Teil  von  Lothringen,  welcher  deutsch  redete  oder  wie  Met
zur  militärischen  Sicherheit  erforderlich  war,  264  Onadratmeilen  mit  1,550,000  Einwohnern,  waren  wiedergewonnen.
  Für  so  manchen  Sohn  deutscher  Mütter,  der  nicht  mit  seinen  Waffenbrüdern  heimkehrte,  brachte  der
Vriede  der  großen  deutschen  Mutter  die  ihr  einst  geraubten  und  entfremdeten  Kinder  Elsaß  und  Lothringen  zurück.
Nicht  um  eine  Eroberung  zu  machen,  hatte  sie  Deutschland  behalten,  sondern  um  ehemaliges  Gut  wieder  zu
erwerben,  frühere  Schmach  zu  tilgen  und  neue  Anfälle  von  seiten  des  geschlagenen  Feindes  zu  verhüten.

Kaiser  Wilhelm  wurde  bei  seiner  Rückkehr  aus  Frankreich  am  17.  März  in  seiner  Hauptstadt  von  danküberströmenden
  Herzen  empfangen.  Vier  Tage  später  eröffnete  er  den  ersten  deutschen  Reichstag.  Zugleich  ernannte
  er  den  Kronprinzen  Albert  von  Sachsen,  die  Generale  v.  Steinmetz  und  Herwarth  v.  Bittenfeld,  der  bei  Meh
zwei  Söhne  verloren  hatte,  zu  Generalfeldmarschällen;  den  Grafen  Bismarck  erhob  er  in  den  erblichen  Fürstenstand.

Erst  am  16.  Juni  hielt  das  siegreiche  Heer,  vertreten  durch  die  Garde  und  Abordnungen  der  anderen
Truppenteile,  bei  strahlendem  Sonnenschein  seinen  Einzug  durch  das  Brandenburger  Thor  in  Berlin.  Voran
ritten  die  ruhmgekrönten  Feldherren  und  Führer,  sodann  Bismarck,  Moltke,  der  an  diesem  Tage  zum  Generalfeldmarschall
  ernannt  wurde,  und  Roon.  Dann  folgte  der  Kaiser,  hinter  ihm  der  Kronprinz,  Prinz  Friedrich
Karl  und  deutsche  Fürsten.  Auf.  dem  Pariser  Plaße,  der  nun  mit  doppeltem  Recht  seinen  erinnerungsreichen
Namen  führte,  nahm  der  Kaiser  die  Begrüßung  der  Ehrenjungfrauen  entgegen;  den  überreichten  Lorbeerkranz  empfing
er  mit  den  Worten:  „Ich  nehme  den  Dank  an,  nicht  für  mich,  sondern  für  die  Armee“.

An  demselben  Tage  wurde  das  Denkmal  König  Friedrich  Wilhelms  III.  im  Lustgarten  enthüllt.  So  schließt
sich  in  der  Geschichte  Glied  an  Glied.  Das  vom  Vater  ruhmreich  begonnene  Werk  hatte  der  Sohn  herrlich
vollendet.  In  drei  Kriegen  war  binnen  sieben  Jahren  das  Deutsche  Reich  geschaffen  worden,  wie  es  jeßt  vor
der  bewundernden  Welt  stand.  Der  erste  brachte  dem  deutschen  Volke  Schleswig,  der  dritte  Elsaß-Lothringen.
Der  erste  wurde  geführt,  um  Holstein  und  Schleswig  „auf  ewig  ungeteilt“  zu  erhalten,  aus  dem  dritten  ging
das  Deutsche  Reich  hervor  mit  einem  geeinten  deutschen  Volke,  das  auch  „auf  ewig  ungeteilt“  sein  soll.  Das
war  die  herrlichste  Frucht  der  furchtbaren  Kämpfe.  Auf  französischem  Boden  wurden  zwei  Erbfeinde  besiegt:
Frankreich  und  die  deutsche  Zwietracht.

Als  der  Kaiser  am  21.  März  den  Reichstag  eröffnete,  schloß  er  seine  Ansprache  mit  den  schönen  Worten:
„Möge  dem  deutschen  Reichskriege,  den  wir  so  ruhmreich  geführt,  ein  nicht  minder  glorreicher  Reichsfriede  folgen,
und  möge  die  Aufgabe  des  deutschen  Volkes  fortan  darin  beschlossen  sein,  sich  in  dem  Weltkampfe  um  die  Güter  des
Friedens  als  Sieger  zu  erweisen““  Diesem  Gedanken  entsprach  die  erste  für  alle  Zukunft  bedeutsame  Handlung  in
den  zu  Reichslanden  erklärten  Provinzen  Elsaß-Lothringen,  die  Gründung  der  Universität  Straßburg.  Einst  hatte

Bal.  Tafel  UI.