— 261 —
Nachbarschaft, aber heute war es gar still unter dem schattigen
Laubdache. Nur Winfried, der einzige Sohn des Meisters Ehrlich,
hatte sein Lieblingsplätgchen aufgesucht, und seine Schwester
war ihm leise gefolgt. Er schaute wehmütig der untergehenden
Sonne nach und dachte dabei an den lieben Bruder und
Spielgenossen, der allzufrüh in kühler Erde begraben wurde.
Da stand plötglich ein unbekannter Jüngling vor ihnen. Der
trug eine umgekehrte verlöschende Fackel in der hagern blassen
Hand, und sein langes schwarzes Haar umflatterten große
Schmetterlinge. Winfried erschrak, als er die seltsame Gestalt
so nahe bei sich sah, und die Schwester stellte sich ängstlich
hinter den älteren Bruder.
„lch bin der Tod", sagte der Fremde mit hohler Stimme;
„du hast die goldene Abendsonne zum letzten Male gesehen,
und die Blüten des Holunderstrauches duften nicht mehr für
dich. Folge mir, wie auch deine Brüder und Kameraden mir
gefolgt sind!“"
Damit legte er feierlich die kalte Hand auf die heiße Stirn
des Knaben.
„O hab Erbarmen mit meiner Jugend!“" flehte Winfried.
„Sieh meine flinken Füße, meine rüstigen Hände, meine hellen
Augen und roten Wangen! Denk auch an meine armen Eltern,
denen du schon zwei Kinder geraubt hast! Weißt du richt,
daß ihr Haar vor Schmerz gebleicht und ihre Stirn mit Falten
durchzogen ist? Willst du zum dritten Male Trauer und Tränen
in unser Haus bringen?“
„Deine guten Eltern dauern mich“, versetgte der Tod, indem
er einen Schritt zurücktrat; „um ihretwillen sollst du für
diesmal verschont bleiben. Doch wenn du mich noch einmal
durch meine Gehilfen einlädst, werde ich dich ohne Erbarmen
mitnehmen.“
„Deine Gehilfen“, sprach jetgt Winfried erleichtert, „kenne
ich nicht, sonst würde ich sie fliehen, sclange mir das Leben
lieb ist.“
„Ja, so ist es“, entgegnete der bleiche Jüngling und brach
in schadenfrohes Gelächter aus; „die Menschenkinder fürchten
den Tod, aber sie lieben seine Gehilfen, darum mache ich täglich
reiche Beute. Doch du bist noch jung und unerfahren und
sollst einst die Stütze deiner Eltern werden, deshalb will ich
dich mit meinen Gehilfen bekannt machen.“
Winfried hatte die Rechte ängstlich und abwehrend vorgestreckt
und dabei den Blick auf den unheimlichen Gast ge-