Full text : Tagebuchblätter. Erster Band. (1)

17.  August  Drittes  Kapitel  83

Droben  auf  den  Trümmern  der  Burg,  die  so  ausgedehnt  sind,  daß
sich  ein  ziemlich  ansehnliches  Dorf  in  sie  eingenistet  hat,  genießt
man  eine  weite,  wunderschöne  Aussicht  auf  das  Stromthal  und
seine  Hügel.  Die  meisten  dieser  gutgegliederten  Höhen  sind  mit
Reben  bepflanzt;  unten  schlängelt  sich,  lichtblau  im  Grünen,  etwa
so  breit  wie  die  Saale  bei  Giebichenstein,  die  Mosel  hin.  Rechts
und  links  im  Thale  und  auf  den  Bergen  Dörfer  und  Schlößchen.
Auf  den  weißen  Straßen  in  der  Tiefe  gleich  Ameisenzügen  Kolonnen
  mit  blitzenden  Helmbeschlägen  und  Gewehrläufen.  Dichter
Staubnebel  hinter  ihnen.  Bisweilen  Trommelwirbel  oder  ein  Hornsignal.
  Unmittelbar  um  uns  alles  einsam  und  still.  Selbst  der
Wind,  der  sicher  hier  oben  oft  recht  vernehmlich  weht,  hält  den
Atem  an.

Wir  begaben  uns  wieder  hinunter  in  das  kriegerische  Getümmel
und  nach  unserm  Schlößchen  an  der  Rue  Raugraf,  aber  nur,  um
zu  erfahren,  daß  der  Minister  noch  immer  nicht  zurück  war.  Dagegen
hatte  man  Nachrichten  vom  Kampfe,  der  tags  vorher  im  Westen
von  Metz  stattgefunden  hatte.  Wir  hörten,  daß  es  auf  unfrer  Seite
starke  Verluste  gegeben  habe  und  der  Durchbruch  Bazaines,  der
die  in  der  Festung  zusammengedrängten  Franzosen  befehlige,  nur
mühsam  verhindert  worden  sei.  Hauptpunkt  der  Schlacht  sollte  das
Dorf  Mars  la  Tour  gewesen  sein.  Die  Chassepotkugeln  wären
buchstäblich  wie  Hagelschauer  herumgesaust.  Ein  Kürassierregiment!
wäre  —  so  erzählte  man  sich  damals  mit  der  in  solchen  Fällen
nicht  seltnen  Übertreibung  —  fast  ganz  aufgerieben  worden,  und
die  Gardedragoner  hätten  gleichfalls  schwer  gelitten;  keine  Division,
die  nicht  arg  beschädigte  Abteilungen  zählte.  Heute  indes,  wo  wir,
wie  gestern  die  Franzosen,  die  Ubermacht  hätten,  wäre,  wenn  diese
wieder  vorzudringen  versuchten,  ein  Sieg  zu  erwarten.

Ganz  sicher  schien  das  indes  nicht  zu  sein.  Man  war  infolge- 



1  Gemeint  ist  natürlich  das  Magdeburgische  Kürassierregiment  Nr.  7
(Halberstadt).  So  sehr  stark  war  die  ÜUbertreibung  nicht.  Abeken,  der  die  Regimenter
  am  17.  August  sah,  als  sie  vor  dem  König  defilierten,  sagt:  „Das  Herz
blutete,  wenn  man  diese  Häuflein  sah:  zuerst  die  Kürassiere,  von  denen  ein
Zehntel  kam,  dann  die  Gardedragoner,  aus  deren  zwei  Regimentern  man  eins
hat  machen  müssen,  damit  es  nur  wie  eine  Schwadron  aussehe.“  S.  394,
(Pont  aà  Mousson)  Mittwoch,  den  17.  August  1870,  abends.

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