Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

16  Emil  Tauffer.  16

Ideen,  zu  klar  bestimmter  Entschließung  aber,  zur  Erkennung  des  moralischen
  Gewichtes  von  Resolutionen  kam  es  nicht.  —  Jene  dunklen  Ideen,
dieses  Gefühl  der  Unsicherheit  waren  auch  in  der  Leitung  des  Londoner
Kongresses  zu  erkennen.  Deßwegen  konnte  auch  der  Kongreß  keine  praktischen
Resultate  aufweisen.

Trotzdem  sind  die  Erfolge  des  ersten  Kongresses  größer,  als  erwartet
wurde.  —  Der  zweite  Kongreß  zeigte  nun  schon  die  Vortheile,  welche  der
Uebung  eigen  sind,  und  erreichte  sichere  thatsächliche  Erfolge.

Daß  der  Kongreß  zu  Stockholm  für  die  kontinentalen  Verhältnisse
mehr  greifbare  Erfolge  zu  Tage  förderte,  können  wir  auch  dem  Umstande
zuschreiben,  daß,  während  in  London  die  englischen  Sachverständigen  und
die  Vertreter  der  englischen  Kolonien  und  der  amerikanischen  Staaten  in
der  Mehrheit  waren,  diesmal  in  Stockholm  die  europäischen  Staaten  die
Ueberzahl  bildeten.

Die  zur  Beschlußfassung  vorgelegten  Fragen  waren  fast  durchgängig
praktischer  Natur  und  standen  in  den  meisten  europäischen  Staaten  ohnehin
gerade  auf  der  Tagesordnung.  Auch  war  die  Vorbereitung  der  Verhandlungen
  eine  gründliche  und  alle  wissenschaftlichen  Richtungen  umfassende.
Jede  Frage  wurde  schon  vor  Jahren  einzelnen  anerkannten  Autoritäten
zur  Begutachtung  vorgelegt.  Die  zeitweise  eingelangten  Referate  wurden
in  dem  durch  Martino  Beltrani  Scalia  redigirten  „Bulletin  Internationalveröffentlicht
  und  endlich  wurden  dieselben  durch  die  Munificenz  des  hochherzigen
  und  unermüdlichen  Vorkämpfers  für  Gefängnißreform  in  einem
selbständigen  Bande  unter  dem  Titel  „Rapports  sur  les  qucstions  à  discuter
  du  congreès  pénitentiaire  international!“  (Rome.  Imprimerie  Artero
  &  Comp.)  zusammengestellt.  Dieses  Werk  wurde  jedem  Fachmanne,
der  sich  für  die  Frage  interessirte,  auf  einfaches  Verlangen  ohne  Entgelt
zugesendet.

Einen  außerordentlich  thätigen  Antheil  an  den  Vorarbeiten  des  Kongresses
  bekundeten  vorzüglich  die  Gelehrten  Italiens.  Eine  jede  auf  die
Tagesordnung  des  Kongresses  gesetzte  Frage  wurde  in  Italien  einzeln  erörtert
  und  die  namhaftesten  Männer  beeilten  sich,  die  wissenschaftlichen  und
praktischen  Ergebnisse  in  gediegene  Referate  zusammen  zu  stellen.  Auch  in
dieser  Beziehung  war  es  wieder  M.  Beltrani  Scalia,  dem  die  Anregung
wie  auch  die  Redaktion  der  Arbeiten  zu  verdanken  ist.

Die  Referate  wurden  unter  folgendem  Titel  veröffentlicht:  „Relazioni
di  scrittori  italiani  sui  temi  da  discutere  al  Congresso  penitenziario  internazionale
  che  avrà  luogo  a  Stocolma.“  Roma,  Artero  &  Comp.  1878.  —  Wir
finden  in  dem  stattlichen  Bande  unter  Anderem  die  Arbeiten  eines  Tolomei
Giampaolo,  Enrico  Pesfina,  De  Foresta,  Beltrani  Scalia,  Pietro  Nocito,
Tancredi  Canonico  2c.,  Namen,  deren  Autorität  sich  weit  über  die  Grenzen
Italiens  erstreckt.

Man  beschränkte  sich  aber  keineswegs  auf  diese  Vorarbeiten.  Die
internationale  Kommission  verschaffte  sich  auch  die  genaueste  Kenntniß
über  jene  Personen  in  den  einzelnen  Staaten  überhaupt,  welche  sich  mit
der  Frage  des  Gefängnißwesens  wissenschaftlich  beschäftigten,  und  ersuchte
diese  Personen  brieflich,  ihre  Meinungen,  Erfahrungen  und  etwa  gesammelten
  Daten  der  Kommission  gütigst  mittheilen  zu  wollen.  Das  An-