Achter Abschnitt.
Beaumonk und Sedan.
chon am folgenden Tage, am 19. August, als sich herausstellte,
daß der Feind die ganze Höhe von Amanvillers bis Rozerieulles
geräumt hatte, entwarf Moltke den neuen Plan. Sieben Armeelorps blieben
unter dem Oberbefehl des Prinzen Friedrich Karl vor Metz, um ein
Entkommen des eingeschlossenen Feindes zu verhindern. Die anderen: die
Garde, das 4. und 12. Korps, wurden nebst der 5. und 6. Kavallerie-3
!lA+.pDbivision dem Kronprinzen von Sachsen untergeben; diese Maas-Armee,
wie sie hieß, sollte im Verein mit der dritten Mac Mahon
verfolgen. Die Fühlung mit ihm war verloren, doch vermutete man ihn
auf dem Marsche nach Paris.
Der Marschall gab sich im Lager von Chälons alle Mühe, die Armee neu zu formieren und auszurüsten.
Am meisten that ein klarer Entschluß not, was man vornehmen sollte. Auch jetzt ging kostbare Zeit verloren,
ehe ein bestimmter Plan gefaßt wurde, und dieser entsprang mehr politischen als militärischen Erwägungen.
Die kalten Sturzbäder der Schreckensnachrichten hatten die erhitzten Köpfe der Pariser nicht abgekühlt, sondern
ihre fieberhafte Erregung nur nach einer andern Seite hin gewendet. Noch am Tage nach dem Gefechte
von Weißenburg verfetzte eine lügnerische Siegesdepesche, von einigen Börsenspekulanten erfunden, die Stadt in
einen tollen Freudentaumel. Als die Niederlagen von Spicheren und Wörth, obgleich in starker Abschwächung, bekannt
wurden, brauste die See auf und verlangte ihr Opfer. Wie konnte diese glorreiche Armee je besiegt werden?
Nur Verrat oder wenigstens vollständige Unfähigkeit der Anführer mußte sie ins Verderben gestürzt haben. Der
Glaube an Verrat — diese die eigene Verantwortlichkeit hinwegtäuschende Selbstvorspiegelung — lag von Anfang
an den von Eitelkeit verblendeten Franzosen nahe; hatten doch gleich nach der Wörther Schlacht selbst Offiziere
gegen den unantastbaren Mac Mahon diesen schändlichen Vorwurf erhoben. In Paris war man noch nicht so
weit; hier machte man vorerst das Ministerium und den Kaiser zu Sündenböcken.
Napoleon hatte bei der Abreise zum Heere seine Gemahlin zur Regentin ernannt, und die thatkräftige Eugenie
wußte wenigstens, was sie wollte: die Erhaltung der Dynastie um jeden Preis. Um den Sturm vom Kaisertum
abzulenken, drückte sie den unentschlossenen Gatten vollständig in den Hintergrund. Ohne ihn zu fragen, verhängte
sie über Paris und Umgegend den Belagerungszustand und berief sofort die Kammern. Gleich die erste
Sitzung am 9. August schwemmte Ollivier und seine Genossen hinweg; die Kaiserin ernannte zum Ministerpräsidenten
ihren ergebenen Freund, den General Montauban Grafen von Palikao; die Kammer bewilligte unterdessen
reichliche Mittel und faßte weitgreifende Beschlüsse zur Ergänzung und Stärkung der Wehrkraft. Auch für eine
etwaige Verteidigung von Paris wurden Vorbereitungen getroffen und Lebensmittel herangezogen. Zum Gouverneur
der Stadt bestimmte der Kaiser in Chälons den General Trochu. Um die aufgeregten Seelen zu befriedigen, vertrieb
die Regierung in schmählicher Weise den größten Teil der Deutschen aus Frankreich; schon hatten sie, die alle Spione
sein sollten, Mißhandlungen und Beschimpfungen erdulden müssen. Allmählich beruhigte sich die Stimmung in
Paris, man schöpfte wieder Hoffnung, und Palikao nährte sie mit hohen Worten und falschen Nachrichten.
Lindner, Der Krieg gegen Frankreich. 8