256 Geschichtl. Entwickelung d. internat. Rechts= u. Staatsbeziehungen ꝛc.
Corinth und Theben bedeuteten im religiösen Volksleben der Hellenen weitaus
nicht soviel, wie Delphi, Delos, Olympia oder Dodona. Auf diesem
räumlichen Trennungsverhältnisse beruhte zu einem wesentlichen Theil die Freiheit
der geistigen Bewegung, der sich Athen zu erfreuen hatte, andererseits
aber auch die schnell eintretende Lockerung der politischen Bande, die die einzelnen
Stämme mit einander verknüpften.
Für das Sacralrecht der Römer blieb hingegen die räumliche Einheit
der höchsten Opferstätten, des priesterlichen Ritualwesens und des gesammten
Volkslebens von Alles entscheidender Bedeutung. Nach der sacralen
Seite des alten Staatszustandes ausschließlich gewürdigt, scheinen deswegen
die Römer den Orientalischen Anschauungen näher zu stehen, als den Griechischen.
) Welchen Grad von Festigkeit Latium bereits in einer Zeit gewann,
die vor der Römischen Gründungssage liegt, darf man daraus schließen, daß
trotz vielfach bestehender Verwandtschaften Griechische Ansiedler im achten und
neunten Jahrhundert v. Chr. sich nicht vermaßen, in Mittelitalien festen Fuß
zu fassen, sondern nach der Besiedlung der näher gelegenen Theile Siciliens
und Unteritaliens entlegnere außeritalische Küstengebiete aufzusuchen genöthigt
waren.
Selbst der Umstand, daß die Schriftzeichen des Alphabets zu den Latinern
später gelangten, als zu den Griechen, mag der größeren Heiligkeit göttlicher
Aussprüche und Gebote (Fas), sowie dem mit feierlichen Worten ausgestatteten
Ritual höchst förderlich gewesen sein. Denn zu allen Zeiten hat es sich bestätigt,
daß mündliche Ueberlieferung unter den der Schrift entbehrenden oder
unkundigen Menschen größere Treue und Haltbarkeit des Ueberlieferten verbürgt,
als schriftliche Aufzeichnung mißverstandener Berichterstattungen durch
solche, die entweder zu starke oder zu schwache Gaben kritischen Geistes empfangen
haben. Was den Homerischen Gesängen zu Statten kam und ihren
jugendlichen Reiz in aller Frische erhielt, der Mangel nämlich einer zu frühzeitigen
Aufzeichnung vor ihrer Vollendung durch den mitdichtenden Volksgeist,
bewirkte auch die Sicherung der dem Roömischen Priesterrecht innewohnenden
Heiligkeit bestimmt vorgeschriebener Redewendungen und in weiterer
Folge die Stätigkeit gesprochener Worte im Rechtsverkehr und in der Rechtspflege.)
Das Ronmische Sacralrecht bietet eben deswegen den wichtigsten Schlüssel
zur Eröffnung tieferen Verständnisses und hellerer Beleuchtung der Wege, die
die Römische Rechtsgeschichte durchmessen hat.
Was nun insbesondere die Altrömischen Vorstellungen vom Völkerrecht
anbelangt, so mußte die Wichtigkeit sacraler Formeln aus naheliegenden Gründen,
insbesondere wegen des Mangels ständigen Rechtsverkehrs noch eine
höhere sein, als auf anderen Gebieten des Rechts. Es wiederholen sich hier
dieselben Auffassungen und Erscheinungen, die im Orient hergebracht waren.
Staatsverträge bedürfen, wenn nicht zu ihrer Gültigkeit, so doch zu ihrer Haltbarkeit
sacraler Gestaltung und religiöser Garantien. Der Unterschied zwischen