Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zehnter Jahrgang. 1894. (35)

104  Das  Dentsqce  Reit  und  seine  einzeluen  Slieder.  (Aril  13.  —  14.)

Gesetzentwurfs  angeregt.  Orthodox-reaktionäre  Tendenzen  liegen  der  Regierung
  vollständig  fern.  Wo  liege  denn  auch  eine  Gefahr  für  die  freie
evangelische  Ueberzeugung  vor?  Sollten  in  der  Agendenangelegenheit  auf
kirchlicher  Seite  wirklich  Uebergriffe  Platz  greifen,  so  sei  immer  noch  das
Staatsministerium  und  als  oberstes  Haupt  der  evangelischen  Kirche  der
König  da,  um  einschreiten  zu  können.

Abg.  Rickert  (freis.  Vgg.),:  betont,  daß  nur  mit  Hilfe  des  Zentrums
die  Vorlage,  die  einen  vollständigen  Bruch  mit  den  früheren  Anschauungen
der  Regierung  bedeute,  durchgebracht  werden  könne.  Die  Vorlage  bedeute
nicht  den  Frieden,  sondern  den  Krieg  in  der  evangelischen  Kirche!

Abg.  Brüel  (Welfe):  Das  Zentrum  nehme  die  Vorlage  an,  wünsche
aber  eine  selbständigere  Stellung  der  evangelischen  Kirche.  Abg.  Stöcker  (dk.)
für  die  Vorlage:  Niemand  solle  aus  der  Kirche  ausgeschlossen  werden,  aber
kein  Ungläubiger  dürfe  ein  kirchliches  Amt  bekleiden.  —  Die  Vorlage  wird
an  eine  Kommission  verwiesen  (13.  April).

13.  April.  (Reichstag.)  Getreidemonopol.

Abg.  Graf  Kanitz  (dk.)  beantragt,  den  Reichskanzler  zu  ersuchen,
dem  Reichstag  baldigst  einen  Gesetzentwurf  vorzulegen,  wonach  der  Einkauf
und  Verkauf  des  zum  Verbrauch  im  Zollgebiet  bestimmten  ausländischen
Getreides,  einschließlich  der  Mühlenfabrikate,  ausschließlich  für  Rechnung
des  Reiches  erfolgt  und  die  Verkaufspreise  festgestellt  werden  auf  mindestens
215  JX  per  Tonne  für  Weizen,  165  für  Roggen,  155  J+  für  Gerste
und  Hafer,  185  für  Hülsenfrüchte,  80  4  für  Lupinen,  175  JX  für
Malz,  155  JX  für  Mais.  Die  Preise  für  Mühlenfabrikate  sollen  den  Mindestpreisen
  für  Getreide  entsprechen.

Abg.  Graf  Kanitz  legt  die  Notlage  der  Landwirtschaft,  die  durch  die
Handelsverträge  noch  größeren  Schaden  erleide,  ausführlich  dar  und  verteidigt
  die  Höhe  der  vorgeschlagenen  Minimalpreise  mit  der  Höhe  der  Produktionskosten.
  —  Abg.  Barth  (freis.  Vgg.)  gegen  den  Antrag.

13.  April.  Der  Kaiser  in  Wien.

14.  April.  (Reichstag.)  Antrag  Kanitz.

Abg.  Bachem  (3.)  gegen  den  Antrag:  Er  sei  der  Ansicht,  daß  dieser
Weg  des  Grafen  Kanitz  überhaupt  ungangbar  sei,  sofern  wir  nicht  unsere
christlich-germanische  Kultur  nach  ihrer  wirtschaftlichen  und  ethischen  Seite
hin  in  Frage  stellen  wollten.  Weshalb  wolle  man  nicht  auch  die  Viehpreise
fixieren,  die  für  manche  landwirtschaftlichen  Gebiete  bei  uns  noch  viel  wichtiger
  seien,  die  Holzpreise  u.  s.  w.?  Und  wie  käme  man  dazu,  nur  den
Grundbesitzern  den  Ertrag  zu  garantieren?  Weshalb  nicht  auch  den  Landarbeitern
  einen  Lohn  von  bestimmter  Höhe?  Und  wie  bei  der  Landwirtschaft,
  so  auch  bei  der  Industrie!  Und  dann  wären  wir  bei  dem  Minimallohn!
  Der  ganze  Antrag  sei  übrigens  zugeschnitten  auf  die  Verhältnisse
des  Ostens  mit  seinen  im  Vergleich  zum  Westen  niedrigeren  Löhnen.  Die
Landwirtschaft  im  Westen  und  Süden  würde  die  Kosten  tragen  müssen,  um
der  im  Osten  eine  höhere  Rente  zu  sichern.

Abg.  v.  Bennigsen  (nl.)  bezeichnet  den  Antrag  als  gemeingefährlich.
  Abg.  v.  d  Gröben  (dk.)  und  Liebermann  v.  Sonnenberg  (Antif.)
für,  Abg.  Richter  (freis.  Vgg.)  und  Schippel  (Soz.)  gegen  die  Vorlage.

Reichskanzler  Graf  v.  Caprivi:  Meine  Herren,  als  der  gedruckte
Antrag  in  meine  Hände  kam,  war  ich  erstaunt  über  die,  wie  mir  schien,
unzulängliche  Motivierung.  Ganz  plötzlich  und  überraschend  trat  der  Antrag
  hervor.  Lange  hatten  wir  debattiert  über  die  Höhe  der  Kornzölle  in
den  Handelsverträgen;  wir  hatten  über  den  Identitätsnachweis  gesprochen,