Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

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führte  der  überraschende  Angriff  Tegetthoffs  zu  vollem
  Erfolg,  obgleich  die  Schlacht  trotz  Tegetthoffs
Taktik  hauptsächlich  im  Geschützkampf  entschieden
wurde.  Es  standen  7  österreichische  Panzerfregatten
egen  10  italienische;  die  älteren  hölzernen  Kriegschiffe
  waren  auf  beiden  Seiten  in  gleicher  Zahl.  Teetthoff
  führte  seine  Flotte  in  Keilform,  das  Flaggshif,
  die  Panzerfregatte  -Ferdinand  Max-,  an  der
Spitze  des  Panzergeschwaders,  gegen  die  Mitte  der
feindlichen  Kiellinie.  Der  sehr  unentschlossene  italienische
  Flottenführer  Admiral  Persano  hielt  seine
Schiffe  in  langer  Linie  in  abwartender  Stellung,  um
durch  überwältigendes  Geschützfeuer  den  Angriff  abzuwehren.
  Zum  Glück  schossen  die  Italiener  schlecht
(worauf  Tegetthoff  hatte  rechnen  können);  deshalb
gelangte  der  österreichische  Keil  in  bester  Ordnun
und  mit  geringen  Schäden  an  den  Feind.  Tegetihon
hatte  seinen  Kommandanten  befohlen,  sich  gegenseiti
im  Nahkampf  zu  unterstützen.  Aber  sehr  bald  nach
dem  ersten  Durchbruch  durch  die  feindliche  Linie  verhüllte
  starker  Pulverrauch  Freund  und  Feind.  Um
seine  Besatzungen  anzuspornen,  hatte  Tegetthoff  den
Befehl  gegeben:  =  Den  Feind  rammen  und  in  den
Grund  bohren!  Sein  Flaggschiff  machte  zwei  vergebliche
  Versuche,  italienische  Panzerfregalten  zu  rammen;
  erst  beim  dritten  Rammangriff  gelang  es  ihm,
die  bereits  steuerlose  Panzerfregatte  „Re  d'Italiac
in  den  Grund  zu  bohren.  Die  hölzerne  Fregatte
Kaisere  rammte  das  italienische  Schiff-Ne  di  Portogallo=
  unter  schiefem  Winkel  ohne  Erfolg  beide  Schiffe
wurden  zwar  beschädigt,  glitten  aber  aneinander  ab
und  kämpften  weiter.  Aus  der  Seeschlacht  wurde  ein
regelloses  Durcheinander;  Freund  und  Feind  waren
oft  kaum  zu  unterscheiden.  Trotz  dem  Bestreben  zum
Rammen  war  die  günstige  Gelegenheit  dazu  selten
auszunutzen.  Auch  gegenseitige  Hilfeleistung  war  im
Getümmel  nur  zufällig  ausführdar.  Der  italienische
Admiral  verhinderte  sein  Flaggschiff  zweimal,  den
»Kaiser«  zu  rammen,  eine  Schwachheit,  die  allgemeinen
  strengen  Tadel  gefunden  hat.  Durch  seine  Kühheit
  hatte  Tegetthoff  den  stärkeren  Gegner  in  schwierige
  Lage  gebracht,  seine  Linie  durchbrochen;  dann
drehte  der  österreichische  Keil  und  warf  sich  mit  Wucht
auf  die  Mittelgruppe  des  Feindes.  Ein  zweites  italienisches
  Panzerschiff,  -Palestro-,  wurde  in  Brand
Heschossen  und  flog  in  die  Luft.  Nach  einstündigem,
ehr  heftigem  Geschützkampf  zog  sich  die  italienische
Flotte  zurück,  die  Schlacht  war  zugunsten  der  tapferen
Osterreicher  entschieden.  Die  Italiener  hatten  zwei
große  Kampfschiffe  verloren  und  waren  auch  sonst
stärker  zusammengeschossen  als  ihre  Gegner.

Der  Erfolg  Tegetthoffs  führte  in  allen  großen  Marinen
  zunächst  zu  einer  übertriebenen  Bewertung  der
Rammtaktik.  Die  seetaktische  Preisschrift  „The  gun,
ram  and  torpedoe  (von  1874)  des  britischen  Seeoffiziers
  Noel  ging  so  weit,  die  Ramme  eine  wichtigere
Seekriegswaffe  zu  nennen  als  die  Geschützbewaffnung.
  Noels  Taktik  beruhte  auf  dem  Grundsatz,  die
grätue  Zahl  von  Spornen  an  einer  Stelle  enzuseczen.

liso  Krafthäufung  im  Rammangriff  sollte  die  Entscheidung
  bringen.  So  entstand  die  britische  Gruppentaktik.
  Man  erwartete,  daß  künftig  zwei  Flotten
sich  siets  in  entgegengesetzter  Richtung,  Saar  auf  Bug,
angreifen  müßten,  weil  die  Breitseiten  dem  Rammangriff
  nicht  ausgesetzt  werden  dürften.  Also  in  Flottendwarslinie,
  Schiff  neben  Schiff.  Wirksamer
gegen  die  einfache  Dwarslinie  sollte  aber  eine  Gruppendwarslinie
  sein,  wie  nachstehend:

III.  Technik  und  Kriegführung

Flottendwarslinie
S—8———————.—..—...——

4

4
Britische  Gruppendwarslinie

Diese  breite  Gruppenform  erinnert  an  die  Dwarslinien
  der  Galeerenschlachten,  bei  denen  ebenfalls  die
Ramme  die  Entscheidung  herbeiführen  sollte.  Infolge
dieser  Taktik  wurde  die  Ges  chütauftellung  der  Panzer.
schiffe  geändert.  Man  erkannte,  daß  die  bisherige
Breitseitaufstellung  in  engen  Pforten  mit  kleinem
Bestreichungswinkel  für  die  neue  Angriffstaktik  sehr
ungünstig  war.  So  entstanden  die  Turmschiffe  und
Kasematt  chiffe,  deren  Bugfeuer  bedeutend  stärter
war  als  das  der  alten  Batterieschiffe.  Die  neue  Torpedowaffe
  war  auf  den  Panzerschiffen  anfangs  nur
als  „Verlängerung=  des  orns  gedacht,  d.  h.  die
Torpedos  sollten  nur  aus  Bugrohren  in  der  Kielrichtung
  geschossen  werden.

In  derlangen  Friedenszeit  zur  See,  die  der  Schlacht
bei  Lissa  folgte,  galt  bei  den  maßgebenden  britischen
Seetaktikern  der  Rammangriff,  mit  dem  das  enge
Durchbrechen  durch  die  feindliche  Linie  bald  zu  einem
wüsten  Wirrwarr  aller  kämpfenden  Schiffe  führen
mußte,  als  die  Grundlage  und  als  das  Hauptziel  des
Seekampfes.  Erst  gegen  Anfang  der  1890er  Jahre
bekämpfte  der  amerikanische  Marinehistoriker  Mahan
die  Überschätzung  der  Rammtaktik  mit  folgenden  sehr
Überzeugenden  Gründen:

»Je  sicherer  ein  Admiral  seiner  selbst,  je  entwickelter
die  taktische  Ausbildung  seiner  Flotte  ist,  je  besser  geschult
  seine  Kommandanten  sind,  um  so  mehr  muß  er
notwendigerweise  zögern,  in  ein  Durcheinander  mit
einem  gleich  starken  Gegner  zu  kommen,  worin  alle
diese  Vorteile  weggeworfen  sein  werden,  wo  der  Zufall
allein  regiert  und  wo  seine  Flotte  auf  Fleiche  Stufe
miteinem  Haufen  zusammengewürfelter  Schiffe  gestellt
wird,  die  nie  zuvor  miteinander  manövriert  haben.
Die  Geschichte  lehrt  deutlich,  wann  es  vorteilhaft  ist,
ein  Getümmel  herbeizuführen,  und  wann  nicht.-Also

  die  stärkere  oder  besser  geübte  Flotte  wird  das
Gemenge  zu  meiden  suchen,  die  schwächere  oder  ungellbte
  kann  durch  zufällige  Erfolge  im  Gemenge  Vorteile
  erringen.  Aber  wenn  Freund  und  Feind  durcheinanderlaufen,
  hört  die  gegenseitige  Unterstützung
auf,  und  die  Gefahr  entteher  daß  bchreundetl  Schiffe
einander  durch  ihre  Waffen  schaden.  Mit  der  Vervollkommnung
  der  Torpedowaffe  war  bereits  um
1890  die  Tegetthofssche  Rammtaktik  viel  schwieriger
geworden,  weil  der  Torpedo  schon  bei  der  Annäherung
  der  Schiffe,  also  vor  dem  eigentlichen  Rammangriff,
  eine  entscheidende  Rolle  spielen  konnte,  wenn
er  vom  feindlichen  Gegenüber  abgeschossen  wurde;
aber  auch  als  selbständige  Waffe  war  der  Torpedo

efährlich  geworden,  weil  Torpedoboote  auch  bei  Tage
bn-  Schutze  des  Pulverdampfes  das  enge  Durcheinanderfahren
  der  kämpfenden  Panzerschiffe  zu  überraschenden
  überfällen  benutzen  konnten.

Die  gelehrigen  Japaner  verstanden  es,  Mahans
Lehren  zuerst  sertakisch  auszunutzen.  In  der  Seeschlacht
  vor  der  Dalumündung  am  16.  Septemder
1894  griff  der  japanische  Admiral  Ito  mit  8  Panzerdeckskreuzern
  und  4  alten  Schiffen  die  chinesische  Floue