142 Erich Marcks.
er hat durch tastende List und durch rückfichtslos jähes Abschwenken ersetzen
müssen, was ihm an eigener Macht noch fehlte. Er hat dann in
seinen alten Tagen lange abwarten müssen, ehe er sich aus den einträglichen
Fesseln Ludwigs XIV. löste; nur die Wucht seiner gewaltigen
Natur, seines hohen Ehrgeizes verschaffte ihm bereits ein Gewicht in der
europäischen Welt; zu senken vermochte er die Schale noch nicht. König
Friedrich hat schon anders dareinfahren können, vom ersten Jahre seiner
Regierung an, und nach dem Siebenjährigen Kriege bildete er wirklich
das Zünglein der europäischen Wage — aber auch er doch noch immer
abhängig, gefährdet und sorgenvoll genug. Otto von Bismarcks Politik
stützt fich von Anfang an auf das große, soeben reorganifterte preußische
Volksheer, fie schreitet fester und sicherer daher als die der beiden
Vorläufer. Aber auch fie sucht sich in ihren ersten Jahren mühsam, mit
Hilse des Gegners, die Bahnen, und wenn sie später Europa überragt
und bis zu einem gewissen Maße beherrscht hat, unendlich machtvoller,
als es der alte Fritz vermochte — um die Sorge vor drohenden und
vielleicht überlegenen Gegenbünden ist auch sie niemals herumgekommen:
auch das starke neue Deutschland, das hat der greise Kanzler bis zuletzt
so oft wiederholt, muß, im Herzen des bewaffneten Europas, umringt
von dessen großen nationalen Staaten, die Anlehnung sichernder Bündnisse
suchen. Die Lebensarbeit des Reichsgründers blieb somit umschlossen
von denselben Forderungen, die einst in den kleineren Verhältnissen seine
Vorgänger beschäftigt haben; er steht auch hier in der Reihe und hat
von jenen bewußt oder unbewußt Übernommen und gelernt. Und gemeinsam
blieb ihnen auch, gottlob, das letzte und höchste Wort, das,
über alle Nebenmittel weit hinweg, durch alle Gefahren hindurch, alle
Größe Preußens doch erst erklärt: das Wort, das Kurfürst Friedrich
Wilhelm 1667 in seinem politischen Testamente aussprach, das aus der
Geschichte Friedrichs II. glorreich wiederklingt und das der Kanzler in
der Vermächtnisrede vom 6. Februar 1888 seinem vollen Sinne nach
wiederholt hat, nur er freilich mit dem besseren Rechte der trotz aller
Feindschaften stolz in sich selber ruhenden Großmacht: Allianzen find
zwar gut, aber eigene Kräste find noch besser.
Gewiß, mit allem Starken und Lebendigen aus der Vorgeschichte
dieses Staates und seines Königshauses hängt so die Geschichte Bismarcks
unablösbar zusammen; es ist immer derselbe Fluß, das eine Mal noch
schmal und seiner Quelle nah, später gewachsen, zuletzt verbreitert zum
mächtigen Strom. Aber das wahrhaft Bezeichnende liegt doch nicht so
sehr in dieser Ahnlichkeit der allgemeineren Aufgaben und des politischen
Verfahrens: es liegt in der Gleichheit des Wesens selber, und in der