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Blockade deutscher Häfen wirksam werden. Sie könnte auch den Moment
wählen, der ihr zum Angriff auf eine feindliche Flotte mit ermüdeter
Bemannung und abgenutzten Maschinen geeignet erscheint. Die deutsche
Flotte ist nur für diesen Zweck gebaut, aber sie wäre außerstande, eine
Seeschlacht an den Küsten Englands auf sich zu nehmen. Das Mißverhältnis
der Zahl an Kräften ist allzu groß. Was einen Angriff Deutschlands
gegen die englischen Kolonien betrifft, so braucht man nicht davon
zu sprechen. Es ist klar, daß man daran nicht einmal denken kann.“
Das Zirkular schließt eindrucksvoll: ‚Ein Konflikt würde die deutsche
Kriegsflotte, seine Kauffahrteischiffe und seinen Auslandshandel vernichten.
Wenn England gegen Schläge geschützt ist, so ist Deutschland im
Gegenteil sehr verwundbar.‘“ Greindis noch wesentlich schärfere Stellungnahme
gegen England und die Bemerkung, der englische Haß entspringe
„einzig und allein dem Neide auf die Entwicklung der deutschen Marine,
des deutschen Handels und der deutschen Industrie‘“!), hatte das Brüsseler
Außenministerium von der Weitergabe an die anderen Gesandten ausgeschlossen.
Der ganze Gegensatz zwischen den Mächtegruppen Europas tritt
in diesen beiden Auslassungen der belgischen Diplomaten zutage. Der
Kontinent ist mit einer Atmosphäre gegenseitigen Argwohns gesättigt.
Ein Staat beobachtet den anderen, jeder setzt bei dem anderen die Absicht
voraus, in gelegener Stunde zum Angriff zu schreiten. Ein jeder
sucht sich durch geeignete Mittel dagegen zu schützen; wo aber solche
Mittel nur irgend in Erscheinung treten, werden sie sofort wieder als
Kriegstreibereien gedeutet. Das Rüstungsfieber steigt in allen beteiligten
Staaten zu beängstigender Höhe. In Deutschland äußert es sich in dem
Bestreben, die Flotte so stark und so schnell wie nur irgend möglich
auszubauen, ehe der erwartete Zusammenstoß mit England eintritt.
Je größer die über Europa lagernde’ Kriegsgefahr wurde, um so schwieriger
mußte die Lage der Mittelmächte sich gestalten. Alle Berichte
der belgischen Diplomaten, die wir an uns haben vorüberziehen lassen,
stimmten darin überein, daß im Dreibunde recht widerstrebende Interessen
zusammengefügt waren. Hatte auch der Reichskanzler Bülow
nach der Erneuerung des Dreibundvertrages in seiner schon erwähnten
Reichstagsrede?) ausgeführt, daß alle daran beteiligten Mächte in ihm
gleichermaßen ihre Rechte fänden, und daß nicht etwa Deutschland
allein als Nutznießer des Dreibundes angesehen werden könne, so war
es doch immer wieder nur allzu deutlich in die Erscheinung getreten,
daß sowohl Österreich-Ungarn wie auch Italien gleichzeitig andere Interessen
wahrzunehmen hatten. Ehrliche Unparteiische glaubten zeitweilig,
in der Annäherung Italiens an Frankreich und England und in einer
Verbesserung der Beziehungen Österreich-Ungarns zu Rußland ein besonders
erfreuliches Moment erblicken zu dürfen. Andererseits war es
aber unbestreitbar, und die belgischen Diplomaten sind nicht müde ge-!)
Vgl. beig. Akt. Nr. 12.
2) Vgl. S. 99 und 102.
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