Full text : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

April  und  Dezember  1898.  31

9.  Orientalische  Frage.  —  Orientreise  des  Kaisers.  —  Ausweisungen.
  —  Dreibund.  —  Auswärtige  geziehungen.
Sitzung  des  Reichstages  vom  12.  Dezember  1898.

Bei  der  ersten  Beratung  des  Reichshaushaltsetats  für  das  Rechnungsjahr  1899
gibt  der  Abgeordnete  Richter  in  seiner  üblichen  Etatsrede  dem  Staatssekretär  Veranlassung,
  sich  über  eine  Reihe  von  Fragen  seines  Ressorts  vor  dem  Reichstage  auszusprechen.
  Staatssekretär  von  Bülow  benutzt  diese  Gelegenheit  zu  einer  Rundschau
über  die  ganze  politische  Lage  Deutschlands.

Staatssekretär  von  Bülowt):

Der  Herr  Abgeordnete  Richter  hat  den  Wunsch  ausgesprochen,  näheres
zu  erfahren  hinsichtlich  meiner  Stellung  zu  einigen  Angelegenheiten  meines
Ressorts.  Ich  möchte  diesem  Wunsche  trotz  der  vorgerückten  Zeit  ohne
Zögern  nachkommen  und  hoffe,  hierbei  Gelegenheit  zu  finden,  in  Kürze
die  Gesichtspunkte  darzulegen,  welche  zur  Zeit  maßgebend  sind  für  den
Gang  der  auswärtigen  Geschäfte  des  Landes.  Und  da  ich  aus  dem
Morgenlande  zurückkehre  2),  so  wende  ich  mich  zunächst  zur  orientalischen  Frage.

Die  orientalische  Frage  befindet  sich  zur  Zeit  im  großen  und
ganzen  in  einer  friedlichen  Phase.  Damit  will  ich  nicht  etwa  sagen,  daß
das  orientalische  Problem  schon  endgültig  gelöst  sei.  Die  orientalische
Frage  gleicht  einigermaßen  der  Seeschlange,  von  der  ein  Stück  nach  dem
anderen  zum  Vorschein  kommt.  Die  endgültige  Lösung  der  orientalischen
Frage  wird  wohl  keiner  von  uns  erleben.  Es  ist  ja  aber  auch  nicht
notwendig,  daß  alle  großen  Probleme,  deren  hente  hier  so  viele  crörtert
worden  sind,  von  heute  auf  morgen  gelöst  werden.  Wir  müssen  auch
unseren  Kindern  und  Kindeskindern  einige  Nüsse  zu  knacken  übrig  lassen.

(Große  Heiterkeit.)
Aber  die  orientalische  Frage  erscheint  gegenwärtig  für  den  Weltfrieden
weniger  bedrohlich  als  in  früheren  Epochen.  An  und  für  sich  ist  die
orientalische  Frage  vielleicht  komplizierter  geworden,  als  sie  vor  20  und
vor  40  Jahren  war.  Die  Gegensätze  —  nicht  sowohl  zwischen  Christen
und  Mohammedanern  als  zwischen  den  einzelnen  Balkanvölkern  —  haben
sich  seitdem  zugespitzt:  mit  dem  Selbständigkeitstrieb  dieser  Völker  ist  auch
ihr  Expansionsbedürfnis  gestiegen.  Dazu  kommt,  daß  es  auf  der  Balkanhalbinsel
  Punkte  gibt,  die  unter  Umständen  zu  Erisäpfeln  in  des  Wortes

1)  Sten.  Ber.  d.  R.-X.,  10.  Leg.-Per.,  I.  Session,  3.  Sitzung,  S.  36  ff.

2)  Der  Staatssekretär  hatte  zu  den  Begleitern  des  Kaiserpaares  auf  der  Orientreise
  gehört;  diese  wurde  am  11.  Oktober  angetreten;  die  Rückkehr  nach  Potsdam
erfolgte  am  26.  November.