Metadaten : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 5. (5)

436  Preußen  verlangt  nur  Suprematie  über  Norddeutschland.

und  auch  für  die  Stellung  Preußens  innerhalb  der  neuen  Einrichtungen  keine  Ansprüche
zu  erheben  als  diejenigen,  welche  unsere  geographische  Lage  uns  zur  Pflicht  macht.
Da  die  Angelegenheit  eine  rein  deutsche  ist,  welche  innerhalb  des  Rahmens  des  Deutschen
  Bundes  zu  bleiben  bestimmt  ist  und  nur  eine  Verbesserung  der  inneren  Einrichtungen
desselben  bezweckt,  so  ist  wenigstens  in  dem  gegenwärtigen  Stadium  zu  einer  amtlichen
Mitteilung  an  außerdeutsche  Mächte  keine  Veranlassung  gegeben.  Für  eine  vertrauliche
Besprechung  und  Darlegung  der  Motive,  die  uns  zur  Einbringung  des  Antrages  in  diesem
Moment  bewogen  haben,  finden  Ew.  pp.  in  der  Anlage  selbst  hinreichendes  Material.

*  291.  Erlaß  an  den  Botschafter  in  Paris  Grafen  von  der  Goltz.

[Konzept  von  der  Hand  des  Vortragenden  Rats  Abeken.]
Ganz  vertraulich.  Berlin,  den  5.  April  1866.

Im  Anschluß  an  meine  Mitteilung  über  den  von  uns  am  Bunde  zu  stellenden  Antrag
zu  einer  Reform  der  Bundesverfassung  will  ich  noch  ganz  vertraulich  und  zu  Ihrer  eigenen
Orientierung  daran  erinnern,  wie  es  Ew.  pp.  bekannt  ist,  daß  wir  zu  den  Erfordernissen  der
Stellung  Preußens  nicht  absolut  die  in  früheren  Fällen  angestrebte  gleichmäßige  Suprematie
  über  das  ganze  außerösterreichische  Deutschland  rechnen,  sondern  nur  den  vorwiegenden
  politischen  und  militärischen  Einfluß  in  Norddeutschland  erstreben  werden,
welcher  durch  die  geographischen  Bedingungen  unserer  Lage  zu  einer  Lebensfrage  für  uns
wird.  Daß  Österreich  uns  selbst  diesen  Einfluß  immer  zu  verkümmern  gesucht  hat,  und
daß  es  durch  seine  Haltung  in  der  Herzogtümerfrage  auch  jetzt  wieder  den  Beweis  liefert,
wie  es  sich  nicht  entschließen  kann,  uns  denselben    einzuräumen,  ist  der  tiefere  und  permanente
Grund  unseres  Zerwürfnisses.  Wir  werden  unsere  wesentlichen  Zwecke  für  erreicht  halten,
wenn  wir  diese  Stellung  in  Norddeutschland  gesichert  haben;  und  wir  würden  es  nicht  als
eine  Gefährdung  unserer  Interessen  betrachten,  wenn  die  süddeutsche  Gruppe,  ohne  aus  dem
Bundesverhältnisse  mit  uns  zu  scheiden,  sich  von  einem  erhöhten  Einflusse  Preußens
frei  erhielte.¹  Der  Königliche  Gesandte  in  München  ist  in  die  Lage  gesetzt  worden,  den  Freiherrn
  von  der  Pfordten  vertraulich  über  diese  Anschauung  des  Königlichen  Kabinetts  zu
unterrichten.  Wenn  sich  die  bayrische  Regierung  nicht  entschließen  kann,  diese  Aussichten
schärfer  ins  Auge  zu  fassen  und  ihrer  Verwirklichung  durch  einen  offenen  Anschluß  an
Preußen  näher  zu  treten,  so  wird  allerdings  die  Folge  von  solcher  Zurückhaltung  sein
können,  daß  der  österreichische  Einfluß  im  Süden  neben  dem  preußischen  im  Norden
Deutschlands  ein  überwiegender  bleibt.

Mit  Rücksicht  auf  die  Besorgnisse,  welche  in  Frankreich  weniger  bei  dem  Kaiser  selbst
als  bei  seinen  Ministern  und  in  einem  Teile  der  Bevölkerung  gegen  ein  unter  Preußen
konzentriertes  Deutschland  obwalten,  und  welche  noch  neulich  in  den  Debatten  des
Corps  législatif  Ausdruck  gefunden  haben,  habe  ich  diese  ganz  vertraulichen  Bemerkungen
nicht  für  überflüssig  gehalten,  welche  aber  Ew.  pp.  die  Möglichkeit  geben  werden,  in  Ihrem
eigenen  Namen  und  gesprächsweise  den  erwähnten  Anschauungen  gelegentlich  entgegenzutreten.


      

1 Der Schluß des Satzes von den Worten an:  ,,ohne aus  dem  Bundesverhältnisse“  eigenhändiger
Zusatz  Bismarcks.    In  Abekens  Fassung  hatte  der  Nebensatz  folgende  Gestalt:  „wenn  Bayern  an  der  Spitze
einer  süddeutschen  Gruppe  einen  ähnlichen  Einfluß  und  ebenfalls    eine  hervorragende  Stellung  zu  gewinnen

trachtete“.