28 Einleitung.
in der Natur vorwiegend cine starre, bestehende Ordnung, das kosmische
System ein ewig dauerndes, von ewigen Kräften nach ewigen
Gesetzen gretriebenes Uhrwerk, die Erde eine starre Kugel, auf der
ewig gleiche Prozesse sich wiederholen, im besonderen ewig gleiche
Lebensformen der Pflanzen- und Tierwelt sich in beständiger Wicderholung
erncuern. Jch brauche nicht auszuführen, wie sehr die
Naturwissenschaften seit den Tagen, da Kant und Hlerder in ersten
‚A\nläufen die entwicklungsgeschichtliche Betrachtung versuchten, das
Weltbild in diesem Sinne umgestaltet haben: die Formen der l.cbewesen
nicht starre Typen, sondern sich wandelnde Gestalten, die
gegenwärtige Gestalt der Erde bloß cine Phase in ihrer Entwicklung,
eine Miene gleichsam in ihrem ewig beweglichen Angesicht, ja das
kosmische System selbst für den Blick der Ewigkeit bloß eine augenblickliche
Konstellation. -- Was hindert zu denken, daß auch die
„Naturgesetze“ nicht cwige Wahrheiten, sondern „historische Kategorien“
sind? zu denken, daß die Wirklichkeit Wandlungen erfährt
wie in Hinsicht auf die Formen, so auch in IIinsicht auf die „Gesctze'?
Oder zu denken, daß die Begriffe, wodurch der menschliche Verstand
die Dinge denkt, nicht die einzier möglichen und nicht die
letzten sind, deren er fähig ist? Ist doch auch unsere Raumanschauung
nur eine unter den denkbaren und demnach unsere Geometrie nur
eine unter den möglichen.
Will man die Wandlungen in der Denkweise während der Neuzeit
in schematisierender Übersicht sich vorstellen, so kann man sagen:
im 16. und 17. Jahrhundert herrschte noch die theologrisch-positivistische
Richtung, die auf ewige Wahrheiten ausging, aus übernatürlicher
Offenbarung sic ableitend; es folgte im 18. Jahrhundert die rationalistische
Denkweise, auch sie auf ewige Wahrheiten gerichtet, aber sie
aus der Vernunft ableitend; im 19. Jahrhundert hat eine positivistische
Denkweise in neuer Form, die historisch-genetische, das Übergewicht
erlangt; sie suchte der Wahrheit durch Beobachtung und Deutung
der gegebenen Tatsachen sich zu nähern, sich bescheidend, daß cs
für den Menschen nur relative Wahrheit gibt.
Wir wenden uns zu den Universitäten und ihrer Entwicklung
im 19. Jahrhundert.
Der Beginn einer neuen Epoche wird auch hier bezeichnet durch
eine Anzahl von Neugründungen oder Erneuerungen, die einer Neugründung
gleichkommen. Der neugeborene preußische Staat errichtete
die Universitäten zu Berlin : 180%), Breslau (!811), Bonn
(1818); im Süden wurden Ilcidelberg (180%), Würzburg (1803) und