Contents : Im alten Reichstag. Band II. (2)

214  Die  Sesfion  1881.

jährlich  zu  berufen.  Nur  mindestens  alle  zwei  Jahre  sollte  die
Berufung  erfolgen  müssen.  Die  Legislaturperiode  wurde  auf
vier  Jahre  verlängert;  der  Etat  sollte  für  einen  Zeitraum  von
zwei  Jahren,  jedoch  für  jedes  Jahr  besonders,  festgestellt  werden.

Bei  der  ersten  Beratung  am  8.  und  9.  März  war  der
Reichskanzler  nicht  anwesend.  Die  Fortschrittspartei  wurde  durch
den  Abg.  Hänel  in  der  Diskussion  vertreten.

Die  zweite  Beratung  fand  am  5.  und  6.  Mai  statt.  Hier
griff  Fürst  Bismarck  in  die  Debatte  ein  unmittelbar  nach  einer
Rede  Bennigsens.  Bennigsen  klagte  darüber,  daß  feste  Zustände
im  Reichstage  nicht  mehr  bestehen,  ein  so  gutes  Verhältnis  der
Mehrheit  mit  dem  Kanzler  nicht  mehr  wie  früher  vorhanden  sei.
Die  wichtigsten  Vorlagen  würden  eingebracht,  obgleich  man  von
vornherein  wisse,  daß  sie  keine  Aussichten  hätten.  Die  kommenden
Wahlen  würfen  auch  bei  den  Reden  der  Regierungsvertreter  ihre
Schatten  in  die  Verhandlungen.  Man  müsse  solche  Vorlagen  ablehnen,
  welche  die  berechtigte  Stellung  des  Reichstags  schwächen
und  damit  den  Einheitsgedanken  des  neuen  Reichs  schmälern.
Neben  dem  Kaiser  und  dem  Kanzler  ist  der  Reichstag  das  hauptsächlichste
  Organ  zur  Vertretung  des  Einheitsgedankens  der  Nation.

Fürst  Bismarck  antwortete  sofort  mit  den  üblichen  Klagen
über  die  monopolifierte  Presse  der  Opposition,  über  die  Fraktionspolitik,
  deren  das  Volk  müde  geworden  sei.  Die  Fraktionen  hätten
ihm  die  Heckenscheere  angelegt  und  das,  was  beantragt  war,  verkürzt,
  vielleicht  verstümmelt,  vielleicht  verbessert.  Für  ihn  habe  der
Beistand  der  Fraktionen  sehr  häufig  die  Natur  eines  Kampfes,
einer  Verkürzung  des  Erreichbaren  angenommen,  dem  gegenüber  er
seine  besten  Kräfte  habe  aufreiben  müssen.  Fürst  Bismarck  spottete
über  die  Beamten  im  Reichstage  und,  im  Stil  seiner  Reden  gegen
mich  bei  der  zweiten  Beratung  der  lex  Tiedemann,  über  diejenigen,
welche  den  Beruf  des  Abgeordneten  mit  demjenigen  eines  Redakteurs
in  der  Zeitung  verbinden.  Es  würde  eine  große  Gefahr  für  das
Reich  sein,  wenn  es  dahin  kommen  sollte,  daß  die  Mehrheit  unter
der  Herrschaft  derjenigen  Abgeordneten  stehen  sollte,  die  eine  andere
bürgerliche  Beschäftigung  eben  nicht  haben,  die  gewerbsmäßige
Volksvertreter  und  deshalb  im  Reden  die  Geübteften  find,  die  die
Stoffe,  über  die  gesprochen  wird,  auf  Monate  und  Wochen  vorher
sorgfältig  durchgearbeitet  haben,  weil  sie  dieselben  auch  in  der
Publizistik  vertreten.  Sie  stehen  dann  vermöge  ihrer  größeren
Mensurpraxis  außerordentlich  im  Vordergrunde.  In  den  Volksversammlungen
  kennen  wir  ja  die  Typen,  sie  haben  sich  zu  rhetorischen