Full text : Preußische Geschichte. Zweiter Band. (2)

IV.  Verwaltung,  wirtschaftliche  und  geistige  Zustände.  129

standen,  wunderlich  gerettet;  ich  zweifle  nicht,  vertraue  ihm,
er  werde  es  noch  in  diesem  auch  thun  und  seine  gnädige  Hand
von  mir  nicht  abziehen,  sondern  mich  mit  Ehre  und  Ergötzung
vor  meinen  Feinden  wunderbarlich  heraushelfen.“

Diese  Vorstellung  von  einer  Vorherbestimmung  zu  seinen
Gunsten,  worin  sein  Glaube  an  die  Zukunft  seines  Staates
und  Hauses  sich  zuweilen  fast  naiv  äußert,  hat  gelegentlich
auch  seine  politische  Haltung  bestimmt.  Eine  Politik  der  kühnen
That  hat  er  im  allgemeinen  nicht  verfolgt.  So  entschlossen
er  in  Momenten,  wo  ihm  jede  andere  Möglichkeit  versagt  war,
zum  Schwert  griff:  ein  zum  Losschlagen  geneigter  Kriegsfürst
war  er  im  Grunde  seines  Wesens  nicht,  sondern  eine  vor—
sichtig  diplomatische  Natur.  Statt  Konflikte  zu  suchen,  ist  er
alle  Zeit  bestrebt  gewesen,  die  ihm  entgegentretenden  zu  ver—
meiden  oder  friedlich  zu  lösen.  Zwischen  Gegensätzen,  vor  die
er  zur  Entscheidung  gestellt  war,  suchte  er  zu  vermitteln  und
oft  in  sehr  künstlicher  Weise  zwischen  den  Strömungen  hindurch
zu  lavieren,  deren  jede  ihn  fortzureißen  drohte.  Daß  damit
eine  gerade  und  offene  Politik  nur  ausnahmsweise  vereinbar
war,  liegt  auf  der  Hand.  Denn  er  mußte  Nebenwege  einschlagen
  und  Hinterthüren  benutzen,  Absichten  erheucheln,  die
ihm  fremd  waren,  und  einen  Schein  annehmen,  den  er,  wäre
ihm  Freiheit  des  Handelns  gegönnt  gewesen,  weit  von  sich  gewiesen
  haben  würde.  Hat  er  doch  gelegentlich  selbst  seine  vertrautesten
  Mitarbeiter  nicht  bloß  im  unklaren  über  seine  Absichten,
  sondern  sogar  in  Unkenntnis  der  Thatsachen  gehalten,
ohne  die  sie  über  die  Lage  gar  nicht  urteilen  konnten,  um
hinter  ihrem  Rücken  die  von  ihm  bereits  getroffene  Entscheidung
ungehindert  durchführen  zu  können.  Wenn  ihm  daher  von
Freund  und  Feind  wohl  der  Vorwurf  der  Zweideutigkeit  und
Unehrlichkeit  gemacht  wurde,  so  wird  man  dessen  Berechtigung
freilich  zugeben  müssen,  zugleich  aber  betonen,  wie  die  außerordentliche
  Schwierigkeit  der  Verhältnisse  ihn  so  zu  handeln
zwang,  wollte  er  sich  anders  durch  die  von  allen  Seiten  anstürmenden
  Gefahren  hindurchwinden.  Durch  die  Zusammensetzung
  seines  Staates  in  alle  europäischen  Konflikte  gezogen,
mußte  er  doch  auf  Schritt  und  Tritt  den  Widerspruch  em-Prutzz,

  Preußische  Geschichte.  II.  7