Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Pereinigte  Staalen  von  Nordamerik#  und  Kausds.  (August  9.—27.)  901

Der  „Berner  Tagwacht“  wird  geschrieben:  Die  Mitglieder  der
sozialistischen  Partei  Amerikas  haben  den  amerik.  Kriegshetzern  eine
vernichtende  Antwort  erteilt.  Die  Antikriegsresolution,  die  im  April  d.  J.
(s.  S.  886  f.)  der  außerordentliche  Parteitag  in  St.  Louis  angenommen  hatte,
ist  jetzt  bei  der  Urabstimmung  mit  21639  gegen  nur  2752  Stimmen  gutgeheißen
  worden.  Auch  die  anderen  Beschlüsse,  die  einige  Abänderungen
der  Grundsätze  und  des  Parteiprogramms  im  strengen  antimilitaristischen
Sinne  vorgesehen  hatten,  sind  mit  21000  bis  23000  gegen  nur  2800  bis
4700  Stimmen  von  der  gesamken  Mitgliedschaft  akzeptiert  worden.  Im
Staate  New-York  haben  4272  für  die  Beschlüsse  gestimmt  und  nur  203
dagegen.  Auf  diesen  unzweideutigen  und  starken  Schlag  des  klassenbewußten
Proletariats  Amerikas,  den  es  der  Kriegspolitik  der  eigenen  Regierung  versetzt
  hat,  hat  ihm  die  Regierung  eine  zaristische  Antwort  erteilt:  nahezu
die  gesamte  Parteipresse,  die  in  engl.  Sprache  erschien,  ist  verboten  worden.
Die  Maßregel  ist  auf  Grund  des  berüchtigten  Paragraphen  der  Postgesetze
verfügt  worden,  nach  dem  dem  Postminister  das  Recht  eingeräumt  wird,
alle  periodischen  Schriften  von  der  Beförderung  auszuschließen,  die  die
Grundlagen  des  Staates  bedrohen.

9.  Aug.  Ausdehnung  des  deutschen  Zahlungsverbots  auf  die
Ver.  St.  (Näheres  s.  Tl.  1  S.  746.)

9.  Aug.  (Kanada.)  Der  Senat  nimmt  das  Dienstpflichtgesetz
(s.  S.  898)  in  dritter  Lesung  an.

10.  Aug.  Amtlich  wird  die  Ernennung  von  Hoover  zum  Lebensmittelkontrolleur
  bekannt  gemacht.

Der  Zwist  zwischen  dem  Präsidenten  und  dem  Senat  (s.  S.  899)  hat
mit  dem  Sieg  des  ersteren  geendet.

22.  Aug.  Anerkennung  Carranzas.

„Reuter“  meldet  aus  Washington:  Wie  verlautet,  hat  die  Regierung
die  amerik.  Bankiers  davon  unterrichtet,  daß  sie  nunmehr  zu  der  Regierung
Carranzas  volles  Vertrauen  gewonnen  hat,  so  daß  auch  die  moralische
Unterstützung  einer  Anleihe  an  Mexiko  gerechtfertigt  erscheine.

27.  Aug.  Antwort  auf  die  päpstliche  Friedensnote  (s.  S.  538  ff.).

Die  Note  wird  von  Graf  v.  Salis,  ao.  Gesandten  Englands  beim
Vatikan,  am  30.  dem  stellvertr.  Staatssekretär  Ms.  Tedeschini  überreicht.

Die  (am  31.  in  der  Presse  veröffentlichte)  Note  hat  folgenden  Wortlaut:
  Sr.  Heiligkeit  Papst  Benedikt  XV.  Nach  Kenntnisnahme  der  Mitteilung
  Sr.  Heiligkeit  an  die  kriegführenden  Völker  beauftragt  mich  der
Präsident  der  Ver.  Staaten  folgende  Antwort  zu  übermitteln:  Jedes  Herz,
das  nicht  durch  den  furchtbaren  Krieg  verblendet  und  verhärtet  ist,  muß
durch  den  rührenden  Appell  Sr.  Heiligkeit  des  Papstes  bewegt  werden,  die
Würde  und  Stärke  der  humanen  und  edlen  Beweggründe  empfinden,  die
ihn  veranlaßt  haben,  und  muß  dringend  wünschen,  daß  wir  den  Pfad  des
Friedens  einschlagen,  auf  den  er  mit  aller  Ueberredungskunst  hinweist.
Aber  es  wäre  Torheit,  ihn  einzuschlagen,  wenn  er  nicht  wirklich  zu  dem
bezeichneten  Ziele  führte.  Unsere  Antwort  muß  sich  auf  harte  Tatsachen
gründen  und  auf  nichts  anderes.  Nicht  nur  ein  bloßes  Einstellen  des
Kampfes  ist  wünschenswert,  sondern  ein  sicherer  und  dauerhafter  Friede.
Dieser  Todeskampf  darf  nicht  noch  einmal  durchgemacht  werden,  und  es
muß  nüchtern  erwogen  werden,  was  uns  dagegen  sichern  kann.  S.  Heiligkeit
  schlägt  im  wesentlichen  vor,  daß  wir  zum  Status  quo  ante  bellum